Starke Märkte für Clean Meat: Deutschland und Frankreich sind nach neuer Studie bereit für kultiviertes Fleisch

Laborfleisch, Clean Meat, kultiviertes Fleisch, In-Vitro-Fleisch
© Dmytro S - stock.adobe.com

Zum ersten Mal überhaupt schränkt die Mehrheit der Deutschen ihren Fleischkonsum ein und viele sind einer neuen Studie zufolge offen für das innovative Bio-Tech Konzept “Clean Meat“. Die Studie, die von einem internationalen Forscherteam der Universität Bath (Großbritannien), der Université Bourgogne Franche-Comté (Frankreich) und Ipsos (Deutschland) in der Zeitschrift Foods veröffentlicht wurde, stellt fest, dass die Akzeptanz der fleischlosen Ernährung sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zunimmt – obwohl insbesondere in Frankreich noch immer eine starke Tradition und Kultur die Einstellung bestimmen.

Für ihre Untersuchung befragten die Forscher 1.000 Personen in jedem Land und stellten ihnen eine Reihe von Fragen zu ihren derzeitigen und beabsichtigten Ernährungsgewohnheiten sowie zu ihren Gedanken über kultiviertes Fleisch – d.h. Fleisch, das ohne Aufzucht und Schlachtung von Tieren in einem Bioreaktor produziert wird. Diese neue Methode der Fleischproduktion spiegelt den biologischen Prozess des Muskelaufbaus wider, tut dies jedoch unter kontrollierten Laborbedingungen.

Die Analyse ergab, dass nur 45% der deutschen Befragten als vollwertige Fleischesser identifiziert werden konnten, weitere 31% folgen bereits aktiv einer flexiblen oder fleischreduzierten Ernährung. Der Fleischkonsum ist in Frankreich weiter verbreitet, 69% der Befragten wurden hier als vollwertige Fleischesser identifiziert und weitere 26% gaben an, eine fleischreduzierte Ernärhung einzuhalten.

© Bryant, C.; van Nek, L.; Rolland, N.C.M. (2020): European Markets for Cultured Meat: A Comparison of Germany and France. In: Foods. 9, 1152.

Die Untersuchung zeigt auch vielversprechende Märkte für kultiviertes Fleisch in beiden Ländern auf. Obwohl die Mehrheit der Verbraucher in Frankreich und Deutschland noch nichts von Clean Meat gehört hatte, erklärten sich 44% der befragten Franzosen und 58% der Deutschen bereit, es zu probieren, wobei 37% der französischen Verbraucher und 56% der Deutschen bereit waren, es selbst zu kaufen.

Die Publikation hebt Deutschland als eine der vegetarischsten Nationen in Europa hervor und stellt fest, dass der Fleischkonsum pro Kopf seit mehreren Jahrzehnten rückläufig ist. Nun gibt es zum ersten Mal Hinweise darauf, dass deutsche Verbraucher, die ihren Fleischkonsum nicht bewusst einschränken, in der Minderheit sind. Diese Muster spiegeln sich auch in Frankreich wider, wo fast die Hälfte der Fleischesser beabsichtigt, den Tierkonsum in den kommenden Jahren zu reduzieren, obwohl es hier schwieriger erscheint, die Einstellung zu ändern.

Einstellung der Verbraucher zur Fleischreduzierung pro Land © Bryant, C.; van Nek, L.; Rolland, N.C.M. (2020): European Markets for Cultured Meat: A Comparison of Germany and France. In: Foods. 9, 1152.

Die Forscher sagen, dass die sozialen Auswirkungen dieser Ergebnisse tiefgreifend sein könnten. Hauptautor Christopher Bryant vom Fachbereich Psychologie an der Universität Bath erklärte dies: “Wir wissen, dass die soziale Normalität des Fleischkonsums eine große Rolle bei dessen Rechtfertigung spielt. Jetzt nähern wir uns einem Wendepunkt, an dem die Mehrheit der Menschen entscheidet, dass wir vor allem aus ethischen und ökologischen Gründen vom Verzehr von Tieren Abstand nehmen müssen. In dem Maße, wie der Verzehr von Tieren weniger normal wird, werden wir wahrscheinlich eine steigende Nachfrage nach Alternativen wie Fleisch auf pflanzlicher Basis und Zuchtfleisch erleben.”

Bemerkenswerterweise wurde ebenfalls festgestellt, dass die Akzeptanz von Clean Meat sowohl in Frankreich als auch in Deutschland – die Länder, mit den stärksten Agrarsektoren in der Europäischen Union – bei den Landwirtschafts- und Fleischfacharbeitern höher ist, als im Durchschnitt. Den Forschern zufolge deutet dies darauf hin, dass Landwirte Clean Meat als eine Möglichkeit sehen könnten, die Massennachfrage nach erschwinglichem Fleisch zu befriedigen, indem sie von intensiven industriellen Produktionssystemen wegkommen und zu traditionelleren Systemen zurückkehren, die mit den Zielen des Umwelt- und Tierschutzes besser harmonieren.

In den USA und in Europa haben einige der weltgrößten Fleischproduzenten bereits innovative Produzenten von Clean Meat finanziert und sind Kooperationen mit ihnen eingegangen, darunter Cargill, Tyson Foods, PHW, der größte deutsche Geflügelzüchter und -verarbeiter sowie M-Industry, das zur Schweizer Migros-Gruppe gehört.

Das Team fand auch einige Belege dafür, dass die Botschaften von Zuchtfleisch, die sich auf Antibiotikaresistenz und Lebensmittelsicherheit konzentrieren, überzeugender sind als jene, die sich auf den Tierschutz oder die Umwelt konzentrieren. Die Verbraucher gaben auch an, dass sie mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht gentechnisch verändertes Clean Meat verzehren würden.

© Bryant, C.; van Nek, L.; Rolland, N.C.M. (2020): European Markets for Cultured Meat: A Comparison of Germany and France. In: Foods. 9, 1152.

Die Studienautorin Nathalie Rolland sagte: “Wir können erwarten, dass das Interesse an neuartigen Proteinen, darunter auch an Kulturfleisch, zunehmen wird. Erstens, weil wir wissen, dass eine zunehmende Vertrautheit mit dem Konzept tendenziell die Bereitschaft, Clean Meat zu essen, erhöht. Außerdem wurden diese Daten vor dem Ausbruch von COVID-19 gesammelt, einer Zoonose, die viele Menschen dazu veranlasst hat, die Rolle von Tieren in unserem Ernährungssystem stärker zu hinterfragen.”

Jens Tuider, Internationaler Direktor von ProVeg International, sagte: “Antimikrobielle Resistenz ist ein ernstes Problem der öffentlichen Gesundheit, das hauptsächlich durch den weit verbreiteten Einsatz von Antibiotika in der konventionellen Tierhaltung verursacht wird. Weltweit werden mehr als 70% der Antibiotika bei Tieren in der Intensivhaltung eingesetzt, was die Wirksamkeit von Antibiotika, die für den Menschen bestimmt sind, dramatisch vermindert. Dies stellt eine ernsthafte Bedrohung für die globale öffentliche Gesundheit dar, mit einer prognostizierten Zahl von 10 Millionen Toten durch antibiotikaresistente Krankheiten pro Jahr bis 2050. Da die zelluläre Landwirtschaft keine Antibiotika benötigt, könnte sie dieses große Risiko für die öffentliche Gesundheit erheblich mindern”.

Die Forschung geht davon aus, dass sich einige der zwischen Frankreich und Deutschland beobachteten Unterschiede am besten durch die Linse der Kultur und Tradition erklären lassen, weist jedoch auf die Rolle hin, die die Agrarlobby in Frankreich nach wie vor spielt. Dazu gehört die französische Entscheidung im Jahr 2018, die Verwendung von Fleischausdrücken zur Bezeichnung von Produkten auf pflanzlicher Basis, wie vegetarische Würste oder vegetarisches Steak, zu verbieten. Das Gesetz soll angeblich verhindern, dass die Verbraucher irregeführt werden.

Während sich diese aktuelle Studie auf Frankreich und Deutschland konzentrierte, argumentiert der leitende Forscher Chris Bryant, dass die Ergebnisse Auswirkungen auf andere Länder haben könnten. Er fügt hinzu: “Europa hat im Vergleich zu anderen Teilen der Welt immer noch niedrigere Raten von Vegetarismus. Würden sich diese Erhebungen wiederholen, könnten wir erwarten, dass die Fleischreduktionsraten anderswo noch höher ausfallen würden. Die Normalität, dass Fleischesser die Mehrheit in der Bevölkerung sind, kehrt sich um, da immer mehr Menschen zu einer pflanzlichen Ernährung übergehen. Die Entwicklung immer besserer Alternativen, darunter auch Clean Meat, macht diesen Übergang nur leichter.”

 

Heruntergeladen werden kann die frei verfügbare Studie unter folgendem Link: www.mdpi.com/2304-8158/9/9/1152