Auf dem Weg zu nachhaltigem Fleisch: Prof. Dr. Mark Post über kultivierte Lebensmittel

Mark Post Mosa Meat
© MosaMeat/Mark Post

Das niederländische Forschungsunternehmen Mosa Meat hat 2013 den ersten Hamburger vorgestellt, für den kein Tier geschlachtet werden musste. In hoch entwickelten Zellkulturprozessen züchten die Forschenden Fleisch aus Rinderzellen, das nicht nur Tiere und Umwelt schont, sondern auch eine Lösung für den wachsenden Fleischhunger der Welt sein könnte. Wir sprachen mit dem wissenschaftlichen Leiter, Prof. Dr. Mark Post, über Potenziale und Zukunft von „Clean Meat“.

Prof. Post, Sie sind einer der Hauptredner auf der New Food Conference von ProVeg. Warum unterstützen Sie das Konzept der Veranstaltung und was erwartet das Publikum bei Ihrem Vortrag?

Bisher gibt es keine vergleichbare Konferenz in Europa, die sich mit der Akzeptanz von pflanzlichen und kultivierten Proteinen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern auseinandersetzt – und das, obwohl sich mehr und mehr Unternehmen und Start-ups auf der ganzen Welt mit den entsprechenden Technologien beschäftigen. Es ist Zeit, diese neuen Ansätze und Entwicklungen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Konferenz fungiert als Plattform für Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Medien sowie für Start-ups und Stakeholder der Lebensmittelbranche. Der Austausch der Beteiligten und die zu erwartenden Diskussionen sind ein wichtiger Bestandteil für die erfolgreiche Weiterentwicklung der Unternehmen. In meinem Vortrag werde ich vor allem auf aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen im Clean-Meat-Sektor sowie die damit verbundenen Herausforderungen eingehen.

Wie stark werden kultivierte Produkte Ihrer Meinung nach die Zukunft des Essens mitbestimmen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns in Zukunft immer weiter von tierischen Produkten, wie wir sie heute kennen, entfernen werden. Mehr und mehr Leute entwickeln ein Verständnis dafür, dass der Planet nicht genügend Ressourcen zur Verfügung hat, um künftig 10 Milliarden Menschen mit konventionellen Tierprodukten zu versorgen. Deshalb suchen sie nach Alternativen. Verbraucherinnen und Verbraucher erkennen den Einfluss ihrer Lebensmittelwahl, was zu einer gesteigerten Nachfrage nach tierleidfreien Optionen führt. Diese Optionen werden die Zukunft unseres Essens maßgeblich mitbestimmen – und kultivierte Produkte tragen hier einen bedeutenden Anteil bei. Wir sind überzeugt, dass die Vorzüge von kultiviertem Fleisch mit dem Erreichen wettbewerbsfähiger Preise und Qualitätsstandards eine breite Masse von Verbraucherinnen und Verbrauchern ansprechen wird.

Welches Einsparpotenzial hat ein Clean-Meat-Burger im Hinblick auf Wasserverbrauch und Treibhausgas-Emissionen verglichen mit einem Rindfleisch-Burger? Welche weiteren Vorteile für die Umwelt sehen Sie?

Die bisher verfügbaren Studien basieren auf Annahmen zu künftigen Produktionsprozessen und klingen vielversprechend: Aktuelle Hochrechnungen zeigen, dass kultivierte Fleischprodukte bis zu 96 % weniger Wasser verbrauchen könnten, bei um bis zu 96 % verringerten Treibhausgas-Emissionen. Tierhaltung und Futtermittelanbau beanspruchen große Flächen. Die Folge sind massive Abholzungen und ein drastischer Verlust an Biodiversität. Wir erwarten, dass die Herstellung von Clean Meat bis zu 99 % weniger Fläche beanspruchen wird. Die Produktion benötigt außerdem keinen Einsatz von Pestiziden oder Düngemitteln und findet in einem geschlossenen System statt. Dadurch kann eine Umweltbelastung durch Chemikalien vermieden werden.

 Würden Sie die Produktion von Clean Meat als tierleidfrei bezeichnen?

Das Wohlergehen der Tiere ist einer der Hauptgründe, weshalb wir Mosa Meat gegründet haben. Unser Fleisch verursacht nahezu kein Tierleid. Zu Beginn benötigen wir die Zellprobe eines Spendertiers: Dazu führen wir eine Biopsie, also eine kleine Zellentnahme, unter Betäubung durch, die keinen Schaden verursacht. Aus einer einzigen Zellprobe können wir bis zu 10.000 kg kultiviertes Fleisch herstellen – diese Biopsien müssen also nur sehr selten durchgeführt werden. Außerdem arbeiten Forschende an der Entwicklung immortalisierter Zelllinien, die sich nahezu unbegrenzt vermehren lassen, um die Zahl benötigter Biopsien weiter zu verringern.

Eine der größten Herausforderungen in der Entwicklung von kultiviertem Fleisch ist das Finden einer Alternative zu fötalem Kälberserum, einem der gängigsten Bestandteile des Zellkulturmediums. Diese Komponente wird aus Kälberföten gewonnen und ist damit unvereinbar mit unseren Tierwohlansprüchen. Deshalb haben wir einen Produktionsprozess mit einem serumfreien Medium etabliert, den wir derzeit weiter optimieren.

 Ernährungsorganisationen raten zu einem moderaten Fleischkonsum, da dieser im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steht. Da sich Clean Meat molekular nicht von konventionellem Fleisch unterscheidet: Erwarten Sie hierfür ähnliche Gesundheitsbedenken?

Insgesamt erwarten wir von kultiviertem Fleisch gesundheitliche Vorteile gegenüber konventionellen Produkten. Unser Fleisch ist identisch mit dem Fleisch aus der Tierhaltung, benötigt jedoch keine Antibiotika, Steroide, Beruhigungsmittel oder genetische Veränderungen. Zudem wird es in einer sterilen Umgebung produziert, wodurch sich das Risiko für die Kontamination durch Bakterien reduziert. Außerdem denken wir, dass wir möglicherweise einige der gesundheitlichen Aspekte sogar verbessern können – wenn es der Wunsch der Konsumierenden ist. Denkbar wäre hier beispielsweise die Reduktion gesättigter Fettsäuren und deren Ersatz durch Omega-3-Fette. Das könnte sich positiv auf den Cholesterinspiegel und das damit verbundenen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken.

Wie steht die Fleischindustrie zu kultiviertem Fleisch?

Sie ist offen für Neues – insbesondere für innovative Alternativen, die helfen, die problematischen „Nebenwirkungen“ eines Produktes zu verringern! Die Weltbevölkerung steigt und damit auch der Hunger auf Fleisch, der mit konventionellen Methoden kaum zu decken sein wird. Das hat die Fleischindustrie erkannt und sucht nach Möglichkeiten, ihr Sortiment um alternative Proteinquellen zu erweitern. Bekannte Firmen aus dem Tierprodukt-Sektor investieren sogar in Start-ups, die an kultivierten Produkten arbeiten: So haben beispielsweise Tyson Foods und Cargill in Memphis Meats investiert, die Bell Food Group in Mosa Meat und die PHW-Gruppe in SuperMeat. Wir setzen auf die Zusammenarbeit mit Fleischunternehmen, um die Markteinführung von Clean Meat zu beschleunigen.

Ist kultiviertes Fleisch noch Zukunftsmusik oder kommt die Markteinführung bald?

Wir erwarten die Einführung von Clean Meat im kleinen Maßstab voraussichtlich in den nächsten 3–4 Jahren. Da es aufgrund seiner anfänglich geringen Skalierung  zunächst relativ teuer sein wird, wird es am Anfang vermutlich nur in ausgewählten Gourmet-Restaurants verfügbar sein. Wir erwarten jedoch, dass der Preis innerhalb der nächsten 10 Jahre deutlich fallen und kultiviertes Fleisch damit wettbewerbsfähig wird. Dadurch wird es sich zügig seinen Platz im Supermarktregal sichern können. Aufgrund seiner besseren Produktionseffizienz wird Clean Meat letztendlich günstiger sein als konventionell hergestelltes Fleisch.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Post.

 

New Food Conference von ProVeg
Wie sieht das Essen der Zukunft aus? Können tierische Produkte von alternativen Proteinquellen abgelöst werden? Welche Innovationen erwarten uns im Lebensmittelsektor und welchen Beitrag können europäische Unternehmen hier leisten? Um diese und weitere Fragen zu beantworten, lädt die Ernährungsorganisation ProVeg am 21. und 22. März 2019 zur New Food Conference nach Berlin.

Mehr Informationen unter www.proveg.com/new-food-conference.

Dieses Interview wurde uns im Rahmen einer Contentpartnerschaft von ProVeg zur Verfügung gestellt.

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