Kultiviertes Fleisch: Von Science-Fiction zum Business Case

David Parry/PA, image courtesy of Mosa Meat

2013 wurde der erste Burger aus kultiviertem Fleisch der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Idee, Fleisch im Labor zu züchten, wurde damals von vielen als reine Science-Fiction abgetan. Sieben Jahre später ist die Vision von kultiviertem Fleisch Realität: Seit Dezember 2020 werden in Singapur Chicken-Nuggets aus kultiviertem Fleisch in Restaurants serviert.

Kultiviertes Fleisch läutet einen Paradigmenwechsel in der Produktion von Fleisch ein, da es in-vitro, d.h. außerhalb eines lebenden Organismus, erzeugt wird. Damit wird die Logik durchbrochen, Fleisch mittels von Viehzucht und der anschließenden Schlachtung von Tieren zu produzieren.

Neue Konsumpräferenzen schaffen eine neue ökonomische Realität

Die Idee von kultiviertem Fleisch trifft den aktuellen Zeitgeist. Immer mehr Menschen wollen sich besser ernähren und brechen daher mit traditionellen Konsummustern. Letzteres liefert auch eine Erklärung für den kometenhaften Aufstieg von pflanzenbasierten Fleischersatzprodukten in jüngster Zeit. Die neue Generation der pflanzenbasierten Fleischalternativen von Unternehmen wie Beyond Meat und Impossible Foods hat es auch dank einer cleveren Strategie geschafft, den Markt zu erobern: Sie zielen auf Konsumierende, die auf der einen Seite den Geschmack von Fleisch lieben, auf der anderen Seite aber ihren Fleischkonsum reduzieren wollen. Die sich ändernden Konsumpräferenzen eröffnen ein neues Marktsegment mit hoch interessanten Möglichkeiten für Investitionen.

Der ökonomische Hebel von kultiviertem Fleisch: Ein Produkt für alle Fleischessenden

Während pflanzenbasierte Fleischersatzprodukte Fleisch imitieren, ist kultiviertes Fleisch ein perfektes Substitut für konventionelles Fleisch. Es wird faktisch unmöglich sein, kultiviertes Fleisch von konventionell erzeugtem zu unterscheiden: Es riecht genauso, es sieht genauso aus und es schmeckt genauso. Im Gegensatz zu pflanzenbasierten Fleischersatzprodukten richtet sich kultiviertes Fleisch nicht an eine spezifische Klientel, sondern an alle Fleischessenden. Eben dies bedingt den Business Case von kultiviertem Fleisch.

Mit kultiviertem Fleisch investieren Unternehmen in ihren eigenen zukünftigen Erfolg

Die Eigenschaften von kultiviertem Fleisch erlauben eine schnelle Marktdurchdringung, was das ökonomische Potenzial befördert. Kultiviertes Fleisch verspricht nicht nur hohe Wachstumsraten in den nächsten Jahren, sondern könnte gar zu einem der am schnellsten wachsenden Marktsegmente in der Lebensmittelindustrie werden. Schätzungen zufolge könnte das globale Marktvolumen für kultiviertes Fleisch bereits 2040 bei etwa 630 Milliarden US-Dollar liegen. Hinzu kommt, dass die Technologie zur Erzeugung von kultiviertem Fleisch ganz neue Produkte und Geschäftsmodelle in der Lebensmittelbranche möglich macht. So erlaubt kultiviertes Fleisch es etwa, Fleischprodukte mit Zusatznutzen („functional food“) zu produzieren und in den hochprofitablen Markt für personalisierte Ernährung einzusteigen. Unternehmen, welche jetzt das Thema kultiviertes Fleisch für sich erschließen, legen somit die Grundlage dafür, ihre Gewinne zu steigern und ihre langfristige Wettbewerbsposition zu stärken.

 

Über den Autor:

Prof. Dr. Nick Lin-Hi beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit kultiviertem Fleisch im Rahmen seiner Forschung zur Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung. Er zählt in Deutschland zu den führenden Experten für kultiviertes Fleisch und diskutiert regelmäßig mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Politik dessen wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenziale. Als Professor für Wirtschaft und Ethik forscht und lehrt er an der Universität Vechta und damit im Zentrum der Norddeutschen Intensiv-Tierhaltung. Medien wie ARD, NDR, ZDF, Handelsblatt, Spiegel sowie diverse Agrarfachmagazine berichten regelmäßig über seine Arbeit, für welche er vielfach ausgezeichnet wurde. Prof. Lin-Hi gilt als Vordenker für neue Entwicklungen und setzt mit seiner Arbeit regelmäßig Impulse in der Praxis.