Ein neues Konsultationspapier des Systemwandel-Unternehmens Systemiq, das in Zusammenarbeit mit der Gordon and Betty Moore Foundation erstellt wurde, prognostiziert, dass Chinas inländische Investitionen in alternative Proteine und Bioproduktion die globalen Agrarhandelsströme in den nächsten zwei Jahrzehnten grundlegend verändern könnten. Dabei gelten exportorientierte Volkswirtschaften, die stark von Soja abhängig sind, als am stärksten gefährdet.
Das Papier mit dem Titel China’s Food Future identifiziert das, was es als „Jahr 0“ einer potenziellen Transformation des Ernährungssystems beschreibt. Es zieht dabei eine direkte Parallele zu Chinas früheren industriellen Weichenstellungen in den Bereichen Solarenergie und Elektrofahrzeuge. In beiden Sektoren entwickelte sich China innerhalb von 15 Jahren von einer unbedeutenden Produktion hin zu einem Anteil von etwa 70 bis 80 % der weltweiten Erzeugung.

Der Rückgang der Sojanachfrage
Die unmittelbarste Prognose des Berichts betrifft Futterpflanzen. Bis 2030 könnten Effizienzsteigerungen und eine zielgerichtete Optimierung der chinesischen Landwirtschaft die inländische Nachfrage nach Sojabohnenimporten um etwa 25 % senken, ein Volumen, das in etwa den gesamten US-Sojabohnenexporten nach China im Jahr 2024 entspricht.
Christine Delivanis, Partnerin bei Systemiq, sagte: „Unsere Modellrechnungen deuten darauf hin, dass eine zielorientierte Optimierung bis 2030 bis zu 25 % des Sojabedarfs in China einsparen könnte. Langfristig könnte Chinas Vorstoß in die Bioproduktion und den Bereich alternativer Proteine eine grundlegende Neuausrichtung der heimischen Lebensmittelproduktion bedeuten.“
China ist derzeit der Hauptabnehmer für 89 % der Sojaexporte Argentiniens, 71 % der brasilianischen Exporte und 53 % der Exporte aus den Vereinigten Staaten, was für die großen Erzeugerländer von erheblicher Bedeutung ist.
Ein Drei-Jahrzehnt-Plan
Systemiq skizziert drei Phasen. In der ersten Phase, die bis 2030 reicht, sollen fermentierte Inhaltsstoffe voraussichtlich Preisparität mit herkömmlichen tierischen Alternativen erreichen, was in erster Linie die Abhängigkeit von importiertem Futter verringert, anstatt unmittelbare Veränderungen im Verbraucherverhalten auszulösen. In der zweiten Phase, bis 2040, wird China voraussichtlich zum Nettoexporteur von Geflügel, Milchprodukten, Eiern und Fischereierzeugnissen werden, da alternative Proteine einen bedeutenden Anteil am heimischen Markt erobern. Bis 2050 könnten laut dem Bericht alternative Proteine 35–55 % des gesamten tierischen Proteinkonsums in China ausmachen, wobei kultiviertes Fleisch kommerziell rentabel wird und 25–35 % zu diesem Anteil beiträgt.

Die Angleichung der Politik als Motor
Der Bericht lenkt die Aufmerksamkeit auf staatlich geförderte Investitionen in Fermentationsinfrastruktur, inländische Innovationscluster und förderliche politische Rahmenbedingungen, darunter die kürzlich erfolgte Zulassung kommerzialisierter gentechnisch veränderter Mais- und Sojasorten.
Prof. Shenggen Fan, Lehrstuhlinhaber an der China Agricultural University und führender Experte für Chinas Agrarpolitik, kommentierte: „Neue Gesetze zur Ernährungssicherheit, staatliche Investitionen in die Fermentationsinfrastruktur und die Entstehung von Clustern für alternative Proteine weisen alle in eine ähnliche Richtung. Wer Chinas frühere industrielle Wandlungen beobachtet hat, weiß, dass man nicht unterschätzen sollte, was als Nächstes kommen könnte.“
Was dies für die Branche der alternativen Proteine bedeutet
Für Produzenten außerhalb Chinas wirft der Bericht pointierte Fragen auf: Sind globale Unternehmen im Bereich alternativer Proteine darauf vorbereitet, dass die chinesische Bioproduktion die Kosten für Fermentationsanlagen nach unten treibt? Sind sie wettbewerbsfähig, falls chinesische Produkte aus dem Bereich alternativer Proteine auf die Exportmärkte drängen? Und entwickeln sich die regulatorischen Rahmenbedingungen in ihren Heimatmärkten schnell genug, um eine breite Akzeptanz bei den Verbrauchern zu ermöglichen?
Delivanis fügte hinzu: „Für Europas Branche für alternative Proteine und biologische Fertigung bietet Chinas rasante Entwicklung ein überzeugendes Argument dafür, sich globale Marktanteile zu sichern, bevor sich die Wettbewerbsdynamik verschiebt.“






