Dr. Bernadette Sütterlin: “Der Fokus sollte nicht auf der Produktionsmethode liegen.”

Dr. Bernadette Sütterlin
© Dr. Bernadette Sütterlin
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Bisher bedeutet Veganismus den absoluten Verzicht auf Fleisch. Dank der Entwicklung von “Laborfleisch” (sogenanntes In-vitro-Fleisch) könnte sich dieses schon bald ändern. Doch was so einfach klingt, bedarf noch einige Überzeugungsarbeit in den Köpfen der Konsumenten. Das beweist auch die Forschungsarbeit von Dr. Bernadette Sütterlin von der ETH in Zürich, welche sich mit der Zukunftsfähigkeit und der Akzeptanz von Laborfleisch aus Verbrauchersicht beschäftigt. Wir haben im Interview mehr erfahren über die Reaktionen auf Laborfleisch, mögliche Stolpersteine bei der Einführung und die zukünftige Entwicklung dieses Segments.

Wie reagieren Menschen aktuell auf das Thema Laborfleisch?
Wie unsere Studien zeigten, ist die Akzeptanz von Laborfleisch zurzeit sehr tief. Im Vergleich zu konventionell produziertem Fleisch wird Laborfleisch als risikobehafteter wahrgenommen und die Bereitschaft, kultiviertes Fleisch zu konsumieren, ist sehr gering – in etwa halb so hoch wie bei konventionellem Fleisch. Treibende Kräfte für die tiefe Akzeptanz sind die Wahrnehmung von Laborfleisch als unnatürlich und das dadurch ausgelöste Ekelgefühl. Aufgrund dieser negativen Wahrnehmung bleiben auch Nutzenaspekte von Laborfleisch wie die höhere Umweltfreundlichkeit und das tiefere Tierleiden weitgehend unberücksichtigt bei der Beurteilung.

Was waren die erstaunlichsten Ergebnisse Ihrer Studien?
Unsere Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die negative Wahrnehmung von Laborfleisch in Bezug auf die Natürlichkeit zu einer verzerrten Beurteilung der Risiken führen kann. Die Studienteilnehmer empfanden das Risiko aufgrund eines hohen Fleischkonsums an Dickdarmkrebs zu erkranken im Falle von In-vitro-Fleisch als weniger akzeptabel als im Falle von konventionellem Fleisch. Das heisst, die identischen Risiken werden in Zusammenhang mit kultiviertem Fleisch als weniger akzeptabel eingestuft als in Zusammenhang mit konventionell produziertem Fleisch.

Erstaunlich ist auch die Wirkung, die kultiviertes Fleisch auf die Wahrnehmung von konventionellem Fleisch hat. Die Beschreibung von Laborfleisch und die anschliessende Beurteilung hatten den paradoxen Effekt, dass konventionelles Fleisch positiver beurteilt wurde. Durch den Vergleich mit kultiviertem Fleisch erreichte konventionell produziertes Fleisch in Bezug auf die wahrgenommene Natürlichkeit und die Konsumbereitschaft die gleich hohen Werte wie Bio-Fleisch.

Bio, konventionell, Laborfleisch – welche Präferenzen haben die Verbraucher?
Seit einigen Jahren geht der Trend generell in Richtung bewussterer Ernährung. Überlegungen in Zusammenhang mit Umweltfreundlichkeit, Gesundheit, ethischen Aspekten und Lifestyle im Allgemeinen fliessen zunehmend in die Lebensmittelwahl ein und es werden daher auch immer mehr Bio-Lebensmittel konsumiert. Bio-Produkte werden im Vergleich zu konventionellen Produkten als umweltfreundlicher, gesünder und schmackhafter wahrgenommen und ihr Nährwert wird als höher eingeschätzt. Wie erwähnt, spielt die wahrgenommene Natürlichkeit bei der Beurteilung von Risiken und Nutzen einer Produktionsmethode und deren Akzeptanz eine wichtige Rolle. Bio-Fleisch wird als sehr natürlich eingeschätzt und konventionelles Fleisch liegt irgendwo im Mittelfeld. Laborfleisch hingegen wird als unnatürlich wahrgenommen und dadurch fällt trotz seiner positiven Aspekte im Hinblick auf Umweltfreundlichkeit und Tierwohl zurzeit die Präferenz zugunsten von Bio- und an zweiter Stelle von konventionellem Fleisch aus.

Warum wird sich Laborfleisch dennoch durchsetzen können?
Bei neuen, nicht vertrauten Technologien sind Konsumenten tendenziell immer etwas kritischer als bei vertrauten Technologien und schätzen generell die Risiken höher und den Nutzen tiefer ein. Laborfleisch spricht jedoch das Bedürfnis von Konsumenten an, die aus Gründen der Umweltfreundlichkeit und/oder des Tierleidens auf Fleisch verzichten, und kann für sie eine geeignete Alternative darstellen. Zudem könnte In-vitro-Fleisch zur Deckung der weltweit steigenden Nachfrage nach Fleisch beitragen. Wenn die Konsumenten vertrauter mit Laborfleisch sind und die Assoziation mit Unnatürlichkeit nicht mehr dominiert, kann kultiviertes Fleisch entsprechend eine vielversprechende Zukunft haben.

Was sollten Anbieter von Laborfleisch beachten, um beim Verbraucher eine positive Haltung für ihr Angebot zu erzeugen?
Für die Förderung und Gewährleistung der Akzeptanz von Laborfleisch ist die Kommunikation von zentraler Bedeutung. Bei der Kommunikation in Zusammenhang mit Laborfleisch sollten die Gemeinsamkeiten mit herkömmlich produziertem Fleisch hervorgehoben werden – beides stammt aus Muskelfasern eines Tieres – und die positiven Eigenschaften wie die Umweltfreundlichkeit und das tiefere Tierleiden im Vordergrund stehen. Der Fokus sollte nicht auf der Produktionsmethode liegen, da Biotechnologie automatisch mit Unnatürlichkeit assoziiert wird, was sich wiederum negativ auf die Beurteilung und die Akzeptanz auswirkt. Wenn auf die Produktionsweise eingegangen wird, muss ein möglichst neutrales, „nicht-technisches“ Vokabular gewählt werden. Begriffe wie „Labor“ oder „künstlich“, die von sich aus negativ behaftet sind und die Wahrnehmung als unnatürlich schüren, gilt es zu vermeiden.

Sollten Forschung und Menschen dem Thema in-vitro-Fleisch Ihrer Meinung nach positiv gegenüberstehen?
Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Wenn das Ziel ist, für die bestehenden und die potentiellen Fleischkonsumenten eine umwelt- und tierfreundlichere Fleischproduktionsmethoden zu finden, dann ist In-vitro-Fleisch sicher eine geeignete Alternative. Wenn man die Ansicht vertritt, dass der Konsum von Fleisch generell reduziert werden sollte, sei es aus Gründen des Umweltschutzes, der Gesundheit oder aus ethischen Überlegungen, dann trägt Laborfleisch wenig zur Lösung bei.

Wie wird sich das Thema Laborfleisch in den nächsten 1 bis 3 Jahren entwickeln?
Nebst technischen und regulatorischen Hürden gilt es auch noch einige Hindernisse in Zusammenhang mit der Konsumentenakzeptanz zu überwinden, bis sich Laborfleisch auf dem Markt etablieren kann. Zurzeit ist die Akzeptanz von kultiviertem Fleisch sehr tief. Aufgrund der wahrgenommenen Unnatürlichkeit überwiegen die Bedenken bezüglich möglicher Risiken und dem Nutzen wird wenig Gewicht beigemessen. Diese Wahrnehmung und die damit verbundenen Überzeugungen sind tief verankert und lassen sich nicht so schnell ändern.

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