Ernährung als Medizin: PAN International im Interview

Anzeige
Veggieworld (in 18 Städten weltweit)- Jetzt Standfläche sichern und Veggie-Zielgruppen besser erreichen.

Niklas Oppenrieder Pan
Niklas Oppenrieder, Medizinischer Direktor von PAN © Physicians Association for Nutrition

„Let food be thy medicine and let medicine be thy food“ postulierte einst Hippocrates. Mit seiner Aussage ist er zeitgemäßer denn je: Die 2018 gegründete Organisation Physicians Association for Nutrition (PAN) rückt die Ernährung ins Rampenlicht der Medizin. Den Experten zufolge soll eine pflanzenbasierte, vollwertige Ernährung der Schlüssel im Kampf gegen die häufigsten Todesursachen unserer Zeit sein. Wir sprachen mit Niklas Oppenrieder, Medizinischer Direktor von PAN, über die Organisation, Ernährung und Volkskrankheiten.

PAN International ist eine recht junge Organisation. Wofür steht Ihr?

PAN International – die Physicians Association for Nutrition – steht für unsere Zielsetzung, eine vollwertig-pflanzenbasierte Ernährung, wie sie aus den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen abzuleiten ist, deutlich intensiver in das Gesundheitssystem und die Gesellschaft zu implementieren. Denn so könnte ein Großteil der chronischen Erkrankungen, die damit einhergehenden Einschränkungen der Lebensqualität, Millionen frühzeitiger Todesfälle, und die daraus resultierenden Kosten deutlich reduziert werden.

Wir sind eine medizinische Fachgesellschaft mit ärztlichem Schwerpunkt – ein internationaler Beirat aus Mediziner*innen und Ernährungsphysiolog*innen steht uns zur Seite.

PAN unterstützt Gesundheitsexpert*innen dabei, eine vollwertige, pflanzenbasierte Ernährung als wirkungsvolles Instrument für die Gesundheit kennenzulernen und einzusetzen. Dabei sprechen wir alle Fachbereiche an, denn letztlich haben Mitarbeiter*innen in jedem Bereich des Gesundheitswesens mit Patienten zu tun, die von ernährungsbedingten Erkrankungen betroffen sind: Ob Altenpflege, Physiotherapie, Orthopädie oder Kardiologie.

Was sagt die Wissenschaft denn aktuell zu den großen Volkskrankheiten unserer Zeit?

Der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Forschung zeigt deutlich, dass die häufigsten sogenannten Volkskrankheiten maßgeblich durch einige wenige Risikofaktoren entstehen. Ernährung bzw. Fehlernährung spielt dabei mit Abstand die größte Rolle.

Zu diesen Erkrankungen gehören vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B. Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall), Diabetes Mellitus Typ 2, Adipositas und verschiedene Krebserkrankungen. Auch auf weitere häufige Erkrankungen, wie entzündliche und autoimmune Erkrankungen, muskuloskelettale Erkrankungen, Hauterkrankungen und Demenzen hat Ernährung einen großen Einfluss. Meiner Einschätzung nach wird daher das Potential gesunder Ernährung, trotz der bereits klar belegten und umfassenden Zusammenhänge, sogar noch unterschätzt: das tatsächliche Ausmaß der Reduktion von Erkrankungen werden wir erst erfassen können, wenn größere Teile der Bevölkerung ihre Ernährung umstellen. Viele der genannten Erkrankungen können durch eine entsprechendes Ernährungsmuster nicht nur präventiv verhindert, sondern bei Bestehen auch optimal therapiert – und somit häufig rückgängig gemacht werden. Und das ohne die Nebenwirkungen, die viele gängigen Medikamente mit sich bringen.

Welche wirtschaftlichen Implikationen haben ernährungsbedingte Volkskrankheiten?

Hier sind klassischerweise direkte sowie indirekte Kosten zu benennen. Um eine grobe Idee zu bekommen: die direkten Gesundheitskosten weltweit werden bis 2040 von aktuell 9 Billionen Dollar pro Jahr auf 24 Billionen Dollar pro Jahr ansteigen. Die Harvard University sowie das World Economic Forum prognostizieren ebenso einen Anstieg der indirekten Kosten, welche durch die klassischen Volkskrankheiten (kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebserkrankungen, Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen) sowie psychische Erkrankungen verursacht werden, auf kumulativ 47 Billionen Dollar bis zum Jahr 2040 weltweit. Je nach Region verursachen nicht übertragbare Erkrankungen, welche sehr häufig ernährungsabhängig sind, zwischen 60% (OECD) bis 90% (USA) dieser schwer vorstellbaren Kosten.

Die Gesamtkosten für kardiovaskuläre Erkrankungen allein in der EU betragen 210 Milliarden Euro pro Jahr, was ca. einem Drittel der gesamten Bildungsausgaben der EU entspricht.

Dies kann insgesamt nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass global 73% aller Todesfälle sowie über die Hälfte der „Disability Adjusted Life Years“ (Index, welcher Todesfälle und verlorene Lebensqualität ausdrückt) durch nicht übertragbare Erkrankungen erzeugt werden. Dabei ist der größte Risikofaktor für diese Erkrankungen, laut der neuesten Global Burden of Disease Studie, Fehlernährung – diese steht damit noch vor den anderen wichtigen Risikofaktoren Tabakkonsum, Bewegungsmangel und Übergewicht.

Gibt es neben der direkten Gesundheitsversorgung noch weitere Bereiche, die betroffen sind?

 Ja, neben den klar zu beziffernden monetären Kosten gibt es meiner Ansicht nach zwei weitere gesellschaftsrelevante Kategorien der Kosten: Zum einen sind hier die Kosten der informellen Pflege von Patient*innen z.B. durch Angehörige zu nennen. Zum anderen sollte auch bedacht werden, dass in Gesundheitseinrichtungen selbst sowie in den angrenzenden Fachbereichen (u.a. Medizintechnik, Pharmaforschung) ein Großteil des Potentials vieler sehr gut ausgebildeter und engagierter Menschen durch eine Problematik gebunden wird, welche im Rahmen entsprechender (gesundheits-) politischer Maßnahmen relativ einfach zu lösen wäre. Dies hat natürlich Implikationen für andere Bereiche des Gesundheitssystems sowie der Gesellschaft, für welche dieses Potential nicht zur Verfügung steht.

Sehen Sie die Industrie auch in der Pflicht, gesündere Lebensmittel anzubieten?

Um ehrlich zu sein sehe ich das in einer Welt des überbordenden Nahrungsangebotes sogar als primäre Aufgabe der Lebensmittelindustrie. Das Mindeste wäre eine Anpassung der Rezepturen, um den Gehalt an Salz, Zucker, gesättigten Fettsäuren sowie Zusatzstoffen deutlich zu reduzieren. Grundsätzlich sollte sich die Industrie aber fragen, wie überwiegend vollwertige, pflanzliche Produkte geschaffen werden können, die geschmackvoll und haltbar sind. Das wäre ein immenser Beitrag zur individuellen und Volksgesundheit.

Da die Wissenschaft aber leider auch zeigt, dass ein Großteil der Industrie keine entsprechende Motivation hat, sehen wir vor allem die Politik in der Pflicht. Hier sind diverse Modelle wie die Beschränkung bestimmter Inhaltsstoffe, Werbebeschränkungen oder -verbote sowie Steuermodelle zur Lenkung des Konsumverhaltens notwendig. Diese sind auch bereits in Modellen erforscht und wären sehr zeitnah umsetzbar. In diesen gesundheitspolitischen Bestrebungen hin zur Verhältnisprävention sehen wir die effektivste Möglichkeit und setzen uns entsprechend dafür ein, dass hier die Stimme der Gesundheitsberufe deutlich lauter wird.

In welchen Ländern ist PAN bereits präsent?

Aktuell ist PAN in Deutschland und den USA vertreten. Weitere Zweigstellen in den Niederlanden, Rumänien und Tschechien stehen kurz vor der Gründung, diese werden wie alle PAN Niederlassungen vor Ort jeweils als unabhängige, gemeinnützige, medizinische Organisationen gegründet. Vielversprechende Optionen tun sich gerade auch noch in Norwegen und Südafrika auf. Wir verstehen uns als globale Organisation und sehen in diesem Ansatz eine große Steigerung der Effektivität unserer Aktivitäten – sowohl für das internationale Netzwerk als auch für jede einzelne nationale Niederlassung. Daher freuen wir uns über das große Interesse von Menschen in Gesundheitsberufen weltweit, weitere „PAN Branches“ zu gründen.

Wie sollte der perfekte Partner aussehen, der in anderen Ländern nationale PANVertretungen starten möchte?

PAN Vertretungen werden von Menschen in verschiedenen Gesundheitsberufen gegründet. Häufig bestehen diese Initiativen als loser Zusammenhang entsprechend interessierter Menschen bereits in den Ländern, zum Teil vernetzen wir auch Einzelpersonen, die uns kontaktieren. Neben dem vorhandenen Fokus auf Ernährung in der Medizin sollten sich potentielle Partner vor allem mit der Satzung von PAN identifizieren können, welche ein ausschließlich evidenzbasiertes Arbeiten der einzelnen Organisationen garantiert. Auch bestehende medizinische oder ernährungswissenschaftliche Organisationen mit einer ähnlichen Ausrichtung können sich PAN anschließen, um die vorhandenen Synergien zu nutzen und effektiver zu werden. Auch als Einzelperson kann man sich natürlich bei uns als Volunteer, Mitglied oder Sponsor*in beteiligen. Informationen gibt es unter www.pan-int.org oder per Mail über [email protected].

Anzeige
Kennen Sie schon unsere internationale Ausgabe? Hier klicken (Link auf vegconomist.com) vegconomist (nicht veconomist)