ING: “Die Politik ist zögerlich bei der Einmischung in die Produkte, die auf unseren Tellern landen.”

Thijs Geijer
© ING
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Kaum jemand würde das Thema Veganismus mit dem Bankensektor verknüpfen. Dabei sind diese ein wichtiger Player und Treiber für die vegane Entwicklung – nicht zuletzt durch Investitionen. Da ist es kein Wunder, dass sich auch die ING besonders mit dem (pflanzlichen) Lebensmittelbereich auseinandersetzt und sogar eine eigene Marktforschung veranlasst hat. Wir haben mit Thijs Geijer – Senior Ökonom bei der ING – über den “Protein shift” und dessen wichtigsten Ergebnisse gesprochen.

Sie analysieren konstant den Lebensmittelsektor. Zuletzt haben Sie einen Report mit dem Titel “The Protein Shift” veröffentlicht. Weshalb ist dieser Report und die Erkenntnisse so wichtig für Sie als Bank?
Der Report ist deshalb so interessant, weil er uns dabei hilft das Geschäft unserer Klienten im Agrarsektor, der Lebensmittelindustrie, im Lebensmitteleinzelhandel und dem Foodservice zu verstehen. Die Erkenntnisse geben uns einen Anhaltspunkt, um deren Strategie zu besprechen z.B. für zukünftige Investments. Dabei basieren die Erkenntnisse des Reports teilweise auf den Resultaten einer internationalen Umfrage von 13.000 Konsumenten. Dies gibt uns ein einmaliges Verständnis über die Präferenzen der europäischen Konsumenten in Bezug auf tierische und pflanzliche Produkte.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Untersuchung?
Ich glaube, dass wir in unserer Untersuchung viele interessante Punkte erkannt haben. Aber lassen Sie mich doch ein paar interessante Erkenntnisse hervorheben:

  • Wir fanden heraus, dass im Schnitt vier Prozent der europäischen Konsumenten noch nie Fleisch gegessen haben. Dabei reichen die Angaben von acht Prozent in Großbritannien bis hin zu einem Prozent in Spanien. Deutschland und Frankreich liegen bei rund 4 Prozent. Eine solide Basis für Vegetarismus/Veganismus ist schwer zu erheben, aber dies gibt uns wenigsten einen Indikator für die kulturellen Unterschieden.
  • Jeder vierte europäische Konsument gab an, den Fleischkonsum zeitnah zu reduzieren. Dies jedoch nur bis zu einem bestimmen Grad. Es ist dabei verbreiteter zu reduzieren statt gänzlich zu verzichten.
  • Wir sehen dieselben entscheidenden Faktoren für einen reduzierten Fleischkonsum im gesamten europäischen Umfeld. Dabei werden gesundheitliche Gründe als Nummer eins Motivation genannt, gefolgt von Tierwohl, Preis und Umweltschutz.
  • Um noch attraktiver zu werden, können pflanzliche Produkte in fünf Bereichen verbessert werden: gesundheitlicher Einfluss, Preis, Convenience, Qualität (besonders im Sinne von Geschmack & Textur) und umweltschonender Produktion. Das Bewusstsein wird besonders verändert, wenn dem Kunden kommuniziert wird, warum diese Produkte besser sind – besonders umwelttechnisch.
  • Um ein Verständnis davon zu erhalten, ohne welche Produkte die Konsumenten nicht auskommen wollen, haben wir sie danach befragt, welche Produkte sie am meisten vermissen würden. Laut unserer Umfrage wäre Käse das tierische Produkt, das die Konsumenten am stärksten vermissen würden. Dies wird gefolgt von Hühnchen und Milch.

Sind der vegane/pflanzliche Markt und die Zielgruppe interessant für Sie und Ihre Bank? 
Der Lebensmittelsektor generell ist interessant für ING. Darin sehen wir, dass der pflanzliche Markt ein besonders dominanter Wachstumsmarkt im europäischen Lebensmittelumfeld ist. Wir sehen hierin eine Großzahl Startup-Aktivitäten, Investments und Innovationen. Daneben ist es außerdem interessant als verbindendes Element zu unserem Einsatz für eine ‘Low-Carbon-Society’.

Was sind Ihren Einsichten nach die wichtigsten “Veränderungsfaktoren”?
Im Endeffekt kommt alles auf Angebot und Nachfrage an. Auf beiden Seiten sehen wir, dass sich die Dinge verändern. Natürlich gibt es bereits ein reichliches Angebot an unverarbeiteten pflanzlichen Produkten. Im Zusammenhang mit steigenden Investments und verbesserter Technologie, wächst und verbessert sich nun auch das Angebot von verarbeiteten pflanzlichen Produkten. Zum Beispiel stechen neue Generationen von Fleischersatzprodukten ihre Vorgänger aus. Auch neue Investments in die Steigerung von Produktionskapazitäten für pflanzlicher Milchprodukte haben die Verfügbarkeit verbessert.

Das Konsumverhalten ist im Wandel. Tierische Produkte spielen zwar immer noch eine zentrale Rolle auf den europäischen Tellern, aber in West-Europa geriet diese Nachfrage unter Druck und dies erleichtert Alternativen den Einstieg.

Was sind – laut Ihrer Untersuchung – die wichtigsten Faktoren für einen Protein-Shift hin zu mehr pflanzlichen Proteinen?
Neben den Vorlieben der Konsumenten und Innovationen spielt vor allem die Politik eine wichtige Rolle. Wir stellen fest, dass die Richtlinien für eine gesunde, ausgewogene Ernährung die positiven Aspekte von pflanzlichen Produkten besonders hervorheben. Dennoch ist die Politik zögerlich beim Einmischen in die Produkte, die auf unseren Tellern landen – oder sie kämpfen damit, die richtigen Instrumente zu finden, um einen Einfluss auf Produzenten und Konsumenten zu haben.

Was macht ING mit den Resultaten der Untersuchung, um weiter in den pflanzlichen/veganen Entwicklungen involviert zu sein?
Da die Aufmerksamkeit für die nachhaltigen Aspekte der menschlichen Ernährung hoch oben auf unserer Agenda bleibt, werden wir die Ergebnisse weiter für die Meetings mit unseren Geschäftskunden nutzen. Zudem halten wir Präsentationen auf diversen Events wie auf der Food Valley Future Protein Summit. Voraussichtlich werden wir auch einen Nachfolgereport in 2019 herausbringen.

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