Der Hybrid unter den Fleischalternativen

Das Team rund um die Verkostung des ersten hybriden Nuggets: v. l. John Préat (Scientific Project Manager), Dirk von Heinrichshorst (Co-Founder & CEO), Eva Sommer (Co-Founder & CPO), David Brandes (Co-Founder & MD) und Paul Mozdziak (Chief Scientific Officer)
Foto: Piece of Meat

Das Startup Peace of Meat zeigt mit nur 20 Gramm Fett wie man eine milliardenschwere Industrie transformiert und Ernährung künftig geht.

Ein Nugget, die Welt zu verändern: Es ist Prime Time am 4. März als die Peace of Meat Gründer David Brandes, Dirk von Heinrichshorst und Eva Sommer gemeinsam mit mir zu je einem Viertel Nugget greifen. Was hier vor den neugierigen Augen von rund 100 geladenen Gästen auf dem Edeka Food Campus in Berlin zubereitet wird, ist allerdings kein normales Hähnchennugget. Es ist ein Meilenstein der Cell-Ag: die auf Kontinentaleuropa erste Verkostung eines Fleischhybriden aus 15 Prozent kultiviertem Entenfett und extrudiertem Erbsenprotein. Die Zukunft riecht verführerisch und schmeckt ausgesprochen gut. So gut, dass die weiteren Gäste das zu Demonstrationszwecken mitgebrachte pure Fett verköstigen. Denn jeder will an diesem Abend Teil der Ernährungszukunft sein und schmecken, was die Fleischindustrie auf den Kopf stellen wird.

Große Erwartungen

20 Gramm Fett hat Peace of Meat als Proof of Concept im Labor hergestellt. „Damit könnten wir rund 200g Hybridfleisch herstellen. Für größere Mengen aber reicht das Labor nicht aus“, weiß Brandes. Aus den 20 Gramm sollen in nur zehn Jahren 100.000 Tonnen werden. Für das Startup geht es deshalb längst nicht mehr darum, einen Prototyp herzustellen. Es ginge um den Bau von Produktionsanlagen industrieller Größe, um bestehende Player am Markt mit ihrem Fett zu beliefern – ein B2B-Geschäft. Anders ließen sich die Hoffnungen, die mit dem neuen Fleisch einhergehen, nicht erfüllen.

Um ihren Standpunkt zu unterstreichen, führt von Heinrichshorst die in der Szene bekannte und gern zitierte Studie „How will Cultured Meat and Meat Alternatives disrupt the Agricultural and Food Industry?“ von A. T. Kearney an. Die Prognosen der Studie lösen bei den Peace of Meat Gründern nicht nur Begeisterung aus. Denn die Erwartungen sind hoch. Es geht um nicht weniger als 60 Prozent des Fleischmarkts, die kultivierte und pflanzenbasierte Produkte gemeinsam bis 2040 ausmachen sollen.

Hürdenlauf: Aus dem Labor in die Fabrik

„Wir müssen von Anfang an in Massen und nicht in Labormengen denken“, mahnt von Heinrichshorst und rechnet bei einer jährlichen Herstellung von einer Milliarde Tonnen Fleisch durch die traditionelle Fleischindustrie vor: „Um die Prognosen zu erfüllen, muss unsere Industrie bis 2030 rund 100 Millionen Tonnen kultiviertes Fleisch im Jahr produzieren. Wir brauchen also bei einem jährlichen Produktionsziel von 100.000 Tonnen 1.000 Unternehmen, die kultiviertes Fleisch herstellen.“

Kein einfaches Unterfangen und eines, das von drei hauptsächlichen Herausforderungen begleitet wird: die Herstellung einer Zellkultur, die die Massenproduktion zulässt, das passende Nährmedium finden und der Bau von Bioreaktoren, in denen die Produktion der gewünschten Volumina stattfinden kann. „Mit den heutigen Produkten, Medien und Bioreaktoren können nur ein paar Tonnen produziert werden. Es geht also nicht darum, was der Markt bereits bietet, sondern darum, einen neuen Markt zu bilden und heute die Entscheidungen zu treffen, um die Zukunft nachhaltig zu gestalten“, erklärt Brandes. Die erste Hürde hat Peace of Meat mit seinem Produkt dabei bereits genommen. Sie sind die europaweit ersten Hersteller, die dazu in der Lage sind, eine GVO-freie Stammzellenlinie herzustellen, die die Produktion der prognostizierten Volumina zulässt.

Vom Nugget zum Milliardenmarkt

Sieht so die Zukunft der Fettindustrie aus? Die Gäste auf der Veranstaltung von Peace of Meat waren sich zumindest über eines einig, so darf sie in jedem Fall schmecken.
Foto: Peace of Meat

Schafft Peace of Meat es, seine Vision eines hybriden Fleischmarktes wahr werden zu lassen, blicken sie auf ein lohnendes Geschäft. „Speisefett ist ein 163 Milliarden Dollar schwerer Markt“, erklärt von Heinrichshorst. Ein Großteil dieses Marktes wird laut dem Trio aus Monokulturen und Massentierhaltung gespeist. Grund genug für die Gründer anzusetzen und das System in großen Teilen zu ersetzen. Dabei würden sie heute schon bei bloßer Betrachtung des Fetts für Fleischalternativen auf einen sieben Milliarden Dollar Markt blicken.

Die ersten Schritte sind getan: „Wir verhandeln bereits mit Unternehmen, die pflanzenbasierte Fleischalternativen herstellen. Es braucht Zeit, aber wir wissen, dass unser Produkt und hybrides Fleisch Teil der Ernährungszukunft sein werden“, prognostiziert von Heinrichshorst. Ob Peace of Meat tatsächlich „eines der derzeit vielversprechendsten Cultured Meat Unternehmen in Europa“ ist, wie es Brandes behauptet, bleibt abzuwarten. Mit einem aber haben die Visionäre rund um das Cultured Meat-Startup recht: Wir müssen jetzt die relevanten Entscheidungen treffen, um in nur wenigen Jahren bereits auf eine nachhaltige Ernährungsindustrie blicken zu können.

Name: Peace of Meat
Gründung: 2019
Art: B2B Unternehmen
Fokus: Massenproduktion kultivierter Produkte, kultiviertes Fett als Produkt für die Lebensmittelindustrie
Ziel: die Herstellung von mehr als 100.000 Tonnen Fett im Jahr bis 2030

 

Dies ist ein Gastbeitrag von Nadine Filko, der Autorin des Buches: Clean Meat: Fleisch aus dem Labor: Die Zukunft der Ernährung?

 

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