Statt Fleisch-Skandalen Führungsrolle bei kultiviertem Fleisch

Laborant untersucht invitro-Fleisch im Labor
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Die großen deutschen Schlachthöfe sind wegen ihrer Arbeitsbedingungen besonders während der Corona-Krise immer wieder negativ in die Schlagzeilen geraten. Dabei gibt es eine Möglichkeit, Fleisch genießen zu können, ohne dafür massenhaft Tiere zu schlachten: Kultiviertes Fleisch aus tierischen Zellen aus dem Labor. Eine wissenschaftliche Arbeit, entstanden an der WHU – Otto Beisheim School of Management, zeigt, wie Deutschland in diesem Sektor in den kommenden Jahren sogar eine internationale Führungsrolle erreichen könnte.

Die anhaltenden Fleisch-Skandale bieten Deutschland den passenden Anlass und die Möglichkeit, jetzt Vorreiter bei aus tierischen Zellen gezüchteten Lebensmitteln zu werden

Tönnies, Westfleisch und Co. – Wurden die Namen großer Schlachtereien vor einiger Zeit noch mit schmackhaften Lebensmitteln assoziiert, hat die Corona-Krise nun schonungslos offengelegt, dass die Branche ein Problem hat. Dieses Problem ist Ausdruck des Wunsches einer stetig steigenden Weltbevölkerung, Fleisch zu konsumieren. Dabei bringt die Massenproduktion von Fleisch nicht nur in Deutschland große ethische und sicherheitstechnische Schwierigkeiten mit sich. Nicht nur Tiere und Umwelt leiden, sondern auch die Mitarbeiter der Betriebe.

Dass diese Massenproduktion zunehmend kritisch gesehen wird, birgt aber auch eine Chance, wie eine am Lehrstuhl für Entrepreneurship, Innovation and Technological Transformation der WHU – Otto Beisheim School of Management entstandene wissenschaftliche Arbeit zeigt. Betreut von Prof. Dr. Dries Faems liefert die Studie Erkenntnisse darüber, dass Deutschland das Potenzial hat, in den kommenden Jahren weltweit führend in der Produktion von Fleisch aus tierischen Zellkulturen zu werden.

Die Autorinnen Julia Schimanietz und Gilda Lukacs haben zahlreiche qualitative und quantitative Daten aus den USA und der EU erhoben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass gerade in Deutschland der Zeitpunkt besonders günstig wäre, sich an die Spitze der Produktion von kultiviertem Fleisch zu setzen. Dafür nennen sie mehrere Gründe: Zunächst verfügt die Bundesrepublik bereits über einen starken Unterbau an Startups (bspw. Planetary Foods, Innocent Meat, Alife Foods, Peace of Meat), die die Entwicklung von im Labor gezüchteten Fleisch vorantreiben. Zudem gibt es mit Bayer und Merck namhafte Akteure, die in diesem Bereich der Biowissenschaft schon aktiv sind. Und schließlich gehören einige der in die Kritik geratenen Fleischerei-Betriebe zu den größten Fleischproduzenten weltweit. In Kooperation mit Investoren und Startups könnte deren Infrastruktur genutzt werden, um auch gezüchtetes Fleisch besser zu vermarkten. So bietet sich für Deutschland die Chance, ein eigenes Ökosystem in diesem Segment aufzubauen und mit anderen aufstrebenden Ökosystemen beispielsweise in Kalifornien oder Israel zu konkurrieren.

Um bei der Produktion von kultiviertem Fleisch erfolgreich zu sein, betonen die Forscherinnen, dass Nichtregierungsorganisationen als Zentren der Vernetzung essenziell sind. Außerdem müsse die Bundesregierung mit einem klaren rechtlichen Rahmenwerk für die gesamte Produktionskette aktiv werden. Dieses könnte nicht nur die Unsicherheiten für Startups verringern, sondern auch die Attraktivität für Investoren erhöhen. Sollte es zwischen den angesprochenen Akteuren zu einer verstärkten Zusammenarbeit kommen, stehen die Chancen gut, dass Deutschland zu einer der führenden Nationen bei der Produktion von im Labor gezüchteten Fleisch werden und sich damit zukünftige Skandale im Bereich der Schlachtereien ersparen könnte.

Die Ergebnisse der Autorinnen Julia Schimanietz und Gilda Lukacs sind im Rahmen der von Prof. Dr. Dries Faems betreuten Bachelorarbeit „A Systematic Comparison of the US and EU Startup Ecosystems of Cultivated Meat” am Lehrstuhl für Entrepreneurship, Innovation and Technological Transformation entstanden. Weitere Informationen finden sie unter www.whu.edu/de.