Eine neue Studie von Agora Agrar zeigt, mit welchen politischen Maßnahmen Deutschland langfristige Ernährungssicherheit und eine starke Bioökonomie fördern kann.
Die Land- und Forstwirtschaft in Deutschland kann gleichzeitig zu Ernährungssicherheit, einer starken Bioökonomie und zentralen Nachhaltigkeitszielen beitragen. Eine neue Analyse von Agora Agrar zeigt das Potential der Landnutzungssektoren: Bis 2045 können die Nettoimporte von Agrarprodukten sinken – auf die Fläche bezogen von vier auf eine Million Hektar. Diese Reduktion entspricht etwa der Größe Brandenburgs. Dem Agora-Szenario zufolge werden zudem mehr Biomasse als bisher für die Bioökonomie und genug Lebensmittel für eine gesunde Ernährung bereitgestellt. Gleichzeitig lassen sich landwirtschaftliche Treibhausgasemissionen bis 2045 um 60 Prozent senken, die Biodiversität stärken und Kohlenstoffsenken auf landwirtschaftlichen Flächen und im Wald deutlich ausbauen.
Um dieses Potenzial zu realisieren, braucht es eine Politik, die eine nachhaltigere Nachfrage in der Ernährung und der Bioökonomie fördert und Gemeinwohlleistungen der Land- und Forstwirtschaft honoriert.
„Investitionen und Innovationen sind wichtig für eine starke Land- und Forstwirtschaft. Voraussetzung dafür ist Planungssicherheit durch eine langfristig verlässliche, evidenzbasierte Politik, die öffentliche Mittel effizient einsetzt und Wettbewerbsfähigkeit sowie Nachhaltigkeit stärkt”, sagt Harald Grethe, Direktor von Agora Agrar.
„Der politische Gestaltungsbedarf für die Landnutzungssektoren ist groß“, sagt Christine Chemnitz, Direktorin von Agora Agrar. „Diese Legislaturperiode bietet die Chance, die Land- und Forstwirtschaft auf ein ambitioniertes Klimaziel für 2040 vorzubereiten, das Budget der EU-Agrarpolitik für die Zukunft zu sichern und ernährungspolitisch zur Entlastung unserer Gesundheitssysteme beizutragen.”
Nachhaltigere, pflanzenbasierte Nachfrage fördern
Eine nachhaltigere, stärker pflanzenbasierte Ernährung ist Grundvoraussetzung für die Vereinbarkeit von Ernährungssicherheit sowie Klima- und Biodiversitätsschutz. Dafür braucht es faire Ernährungsumgebungen – also Rahmenbedingungen, in denen gesunde und nachhaltige Lebensmittel leicht verfügbar und bezahlbar sind. Dazu kann unter anderem ein Bundesprogramm für eine entsprechende Kita- und Schulverpflegung beitragen, eine Servicestelle, die Kommunen unterstützt, eine gesunde und nachhaltige Ernährung zu fördern, und ein Bundesprogramm für Obst- und Gemüse, das gesunde Ernährung mit regionaler Wertschöpfung verbindet.
Nicht nur bei der Ernährung, auch bei der Biomasse ist eine nachhaltigere Nachfrage zentral. Die Nutzung dieses begrenzten Rohstoffs sollte daher an Nachhaltigkeits- und Effizienzkriterien ausgerichtet werden. Politische Rahmenbedingungen sollten sicherstellen, dass Biomasse mit fossilen Rohstoffen konkurrieren kann, sie dort eingesetzt wird, wo sie den größten volkswirtschaftlichen Nutzen hat und dass nur so viel Biomasse genutzt wird, wie nachhaltig verfügbar ist.
Ein zentraler Hebel sind Investitionen in neue Wertschöpfungsketten, damit Biomasse im Vergleich zu heute stärker stofflich statt energetisch genutzt wird. Zugleich sollte bereits die Produktion von Biomasse zu Klima- und Biodiversitätsschutz beitragen – etwa durch den Anbau von Gehölzen auf Agrarflächen.
Nachhaltige Wertschöpfungsketten sind zudem entscheidend, um Einkommen im ländlichen Raum zu sichern: Holzbauquoten im öffentlichen Bau, Lebenszyklusvorgaben für Gebäude sowie Anreize zur Speicherung von Kohlenstoff in biobasierten Baustoffen stärken die Nachfrage nach nicht-fossilen Rohstoffen. Auch eine Biogaspolitik, die nachhaltige Substrate und flexible Energiebereitstellung fördert, kann Energie- und Agrarumweltziele sinnvoll verbinden und eine Chance für die Landwirtschaft sein.
Gemeinwohlleistungen verlässlich honorieren
Klima- und Biodiversitätsschutz sowie ein hohes Tierwohlniveau müssen für Betriebe zur ökonomischen Chance werden. Dafür braucht es eine verlässliche Honorierung von Gemeinwohlleistungen. Die Mittel der EU-Agrarpolitik spielen dabei eine wichtige Rolle. Doch seit 2000 sind die Zahlungen real – pro Hektar – um rund 40 Prozent gesunken – ein Trend, der sich mit den aktuellen Vorschlägen der Europäischen Kommission ab 2028 fortsetzen könnte. „Um EU-Mittel auch in Zeiten knapper Kassen zu erhalten, sollten diese gezielt für die Honorierung von Gemeinwohlleistungen eingesetzt werden“, sagt Harald Grethe, Direktor von Agora Agrar. „So wird die Wettbewerbsfähigkeit einer nachhaltigen Landwirtschaft gestärkt.“
Zugleich gilt es, den bürokratischen Aufwand für die Betriebe gering zu halten und Klima- und Biodiversitätsschutz so zu gestalten, dass die Produktivität der Landwirtschaft möglichst wenig beeinträchtigt wird. Zwei Instrumente können dies unterstützen: Ein Benchmarking-System kann Gemeinwohlleistungen einzelner Betriebe vergleichbar machen und Verwaltungsaufwand senken. Ein Biodiversitätsindex ermöglicht es zudem, Biodiversitätsschutz mit möglichst geringem Flächeneinsatz kooperativ umzusetzen und auf Landschaftsebene wirksamer zu machen.
Klimaschutz voranbringen
Veränderungen in der Tierhaltung und die Wiedervernässung von Mooren sind die stärksten Hebel, um die Treibhausgasemissionen bis 2045 um 60 Prozent zu reduzieren. Im Agora-Szenario werden die heutigen Treibhausgasemissionen aus der Tierhaltung bis 2045 um 68 Prozent reduziert – sowohl durch verringerte Tierzahlen als auch durch eine klimaeffizientere Produktion. „Wichtig ist, die landwirtschaftliche Tierhaltung frühzeitig auf das ambitionierte 2040-Klimaziel vorzubereiten”, sagt Christine Chemnitz. Dafür braucht es politische Anreize für die Nutzung emissionsmindernder Technologien und Praktiken. „Bei Vermeidungskosten von etwa 100 Euro pro Tonne CO2 lässt sich eine deutlich klimafreundlichere Tierhaltung als heute auf hohem Tierwohlniveau in Deutschland sichern, die auch langfristig die Nachfrage nach tierischen Produkten bedient.“
Die Wiedervernässung landwirtschaftlich genutzter Moore, die etwa sieben Prozent der Agrarfläche betrifft, kann den Agora-Berechnungen zufolge jährlich etwa 31 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Voraussetzung dafür sind verlässliche Perspektiven für die Betriebe: Wiedervernässungsprämien können für einen Übergangszeitraum von 10-20 Jahren den Verzicht auf die trockene Nutzung kompensieren. Bei einer Vernässung von 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Moorflächen entstünden hierfür bis 2045 Gesamtkosten in der Größenordnung von acht Milliarden Euro. Langfristig ist der Aufbau von neuen Wertschöpfungsketten für Paludikulturen zentral, um die Flächen weiterhin produktiv nutzen zu können.
Auch stabile Wälder leisten einen substanziellen Beitrag zur Klimaneutralität – indem sie Kohlenstoff speichern und indem fossile Rohstoffe durch das im Wald geerntete Holz ersetzt werden. Das Agora-Szenario zeigt, dass die Kohlenstoffspeicherung von Wäldern im Vergleich zu heute deutlich gestärkt werden kann. Um das langfristig zu gewährleisten, braucht es eine Anpassung der Wälder an die Folgen des Klimawandels und gleichzeitig eine temporäre Reduktion der Ernte in stabilen Beständen. Hierzu beitragen können ein ressortübergreifendes Bund-Länder-Gremium „Stabile Wälder“ sowie regionale Waldforen.
Die Studie Die Zukunft von Landnutzung und Ernährung in Deutschland baut auf dem 2024 veröffentlichten Landnutzungsszenario für die EU auf.






