Nutri-Score: Bio-Branche fordert Nachbesserung

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© Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V.

Am 09. Oktober 2020 stimmte der Bundesrat über den Nutri-Score ab. Damit wird die rechtliche Grundlage für das Ampelsystem als Lebensmittelkennzeichnung geschaffen. Zusätzlich empfiehlt der federführende Bundestagsausschuss die verpflichtende Kennzeichnung durch den Nutri-Score. Der Bundesverband für Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. sieht erheblichen Nachbesserungsbedarf beim Nutri-Score. Dieser muss dringend umgesetzt werden, bevor über eine Verpflichtung diskutiert wird. Aktuell werden Bio-Lebensmittel, die gesünder und nachhaltiger sind, durch den Nutri-Score benachteiligt.

Die BNN-Mitgliedsunternehmen aus Herstellung, Groß- und Einzelhandel setzen sich seit Jahrzehnten für gesunde, möglichst gering verarbeitete und nachhaltig produzierte Lebensmittel ein. Verbraucher sollten umfassend und transparent über Zutaten und Nährwerte von Lebensmitteln informiert werden, um eine bewusste Kaufentscheidung treffen zu können. Dieses Ziel verfolgt auch das Ministerium von Julia Klöckner mit dem Nutri-Score.

Doch der Nutri-Score in seiner aktuellen Form weist zu viele Mängel auf, um dieses Ziel zu erreichen und benachteiligt zudem Bio-Lebensmittel erheblich. Denn im Gegensatz zu konventionell produzierten Lebensmitteln, die eine Vielzahl an Ersatzstoffen enthalten können, die vom Nutri-Score nicht erfasst werden, wird bei der Herstellung von Bio-Lebensmitteln gänzlich auf synthetische Ersatzstoffe verzichtet. Die Verwendung von Zusatzstoffen in der Bio-Lebensmittelverarbeitung ist in der EU-Öko-Verordnung stark beschränkt. Bio-Hersteller können und wollen ihre Produkte nicht in vergleichbarer Weise “schönen”. Das wird im Nutri-Score-Algorithmus allerdings nicht berücksichtigt.

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Beispielsweise wird ein Bio-Apfelsaft mit einem gelben “C” bewertet und eine Cola light mit einem grünen “B”. Dabei ist der Bio-Apfelsaft ernährungsphysiologisch deutlich wertvoller als eine Cola light. Hochwertige Inhaltsstoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren, hoher Ballaststoffgehalt und sekundäre Pflanzenstoffe werden in der Bewertung bestimmter Produktgruppen gar nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl sie ein ganz wesentlicher Bestandteil gesunder und ausgewogener Ernährung sind.

“Bio-Lebensmittel sind untrennbar mit einer intakten Umwelt verbunden”, sagt Kathrin Jäckel, BNN-Geschäftsführerin. “Sie sind außerdem durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide bei der Erzeugung und mit möglichst naturbelassenen Zutaten auch die gesünderen Lebensmittel. Deswegen kann es nicht angehen, dass ein Label, das zu gesunder Ernährung hinführen soll, diese Tatsachen unberücksichtigt lässt.”

Aus Sicht der Bio-Branche muss der Nutri-Score-Algorithmus überarbeitet werden, um Verbrauchern eine echte Chance für eine bewusste Kaufentscheidung zu ermöglichen. So bekäme die Lebensmittelwirtschaft außerdem entscheidende Impulse für mehr Ökologie und Nachhaltigkeit. “Zwei Ziele, die Bundesministerin Klöckner an anderer Stelle gerne fördert – hier aber außen vorlässt”, ergänzt Jäckel.

Detaillierte Hintergrundinformationen und Forderungen zu den notwendigen Anpassungen aus Sicht des BNN im Nutri-Score können dem Positionspapier des BNN entnommen werden.

Der BNN fördert parallel dazu als Praxispartner des Forschungsprojekts “Reformulierungsstrategien für Bio-Lebensmittel” (ReformBio) die Weiterentwicklung von Bio-Lebensmitteln mit dem Ziel, den Anteil von Zucker zu reduzieren, ohne dass dies mit einem Geschmacksverlust einhergeht. Das zeigt, dass auch die Bio-Lebensmittelwirtschaft aktiv an der Lösung aktueller Fragestellungen zu gesunden und nachhaltigen Lebensmitteln arbeitet.