• Im Interview mit Bluu Biosciences: Kultivierter Fisch statt Überfischung



    © Bluu Biosciences

    Laut der Welternährungsorganisation (FAO) sind 90 % der weltweiten Fischbestände überfischt oder bis an ihre Grenzen befischt. Kann kultivierter Fisch die Lösung sein? Diese Frage beantwortet Dr. Sebastian Rakers, Geschäftsführer und Mitgründer von Bluu Biosciences, auf der New Food Conference am 10. und 11. Oktober in Köln. Hier folgt ein Einblick zum Stand der Zulassung und Akzeptanz von kultiviertem Fisch.

    Herr Rakers, Bluu Biosciences ist Europas erstes Biotech-Unternehmen, das kultivierten Fisch entwickelt. Warum Fisch?

    Dr. Sebastian Rakers ist Geschäftsführer und Mitgründer von Bluu Biosciences. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt er kultivierten Fisch © Bluu Biosciences

    In vielen Regionen der Welt ist Fisch schon heute die wichtigste tierische Proteinquelle. Mit wachsender Weltbevölkerung und höheren Einkommen steigt die Nachfrage weiter. Die Fischbestände hingegen stagnieren oder sinken und werden zum Teil bis an die Kapazitätsgrenzen gebracht. Die Aquakultur versucht, das aufzufangen, hat aber mit eigenen Herausforderungen zu kämpfen. Kultivierter Fisch kann hier eine sinnvolle Alternative sein, um unsere Meere nicht noch weiter zu strapazieren.

    Kultivierter Fisch hat einige Vorzüge gegenüber kultiviertem Fleisch: Die Zellen sind toleranter gegenüber Temperaturschwankungen – ein Vorteil für das Upscaling der Produktion. Außerdem ist das Muskelfleisch bei Fisch weniger komplex, was später die Herstellung strukturierter Lebensmittel vereinfacht. Wir arbeiten seit mehr als 10 Jahren mit Fischzellen. Die Biodiversität der Meere zu schützen, ist unsere Leidenschaft.

    Welche Produkte werden Sie als Erstes entwickeln?

    Wir fokussieren uns auf Produkte aus Atlantischem Lachs, Regenbogenforelle und Karpfen. Damit arbeiten wir an 3 der weltweit beliebtesten Speisefischen. Außerdem sind diese Arten bereits gut erforscht: Ihr Genom ist komplett sequenziert und zu ihren Zelllinien existiert ein breites Wissen.

    Die ersten Produkte am Markt werden zusammengesetzt sein – Fischbällchen, Fischtartar oder Fischstäbchen. Später planen wir auch strukturierte Lebensmittel wie Lachsfilet. Für diese 3D-Produktion müssen wir noch etwas forschen. Vor allem an der Frage, wie sich das Zellmaterial unterschiedlicher Gewebe gut zusammensetzen lässt.

    Werden Verbraucherinnen und Verbraucher kultivierte Fischprodukte akzeptieren?

    Vor allem motiviert uns das wachsende Umweltverständnis der Menschen und deren Offenheit. Die Nachfrage steigt. Kultivierter Fisch profitiert auch von der immer größer werdenden Akzeptanz gegenüber kultiviertem Fleisch. Insgesamt braucht es mehr Kommunikation und Transparenz, um Vorurteile gegenüber zellbasierten Technologien bei Verbraucherinnen und Verbrauchern weiter abzubauen. Asien geht hier mit gutem Beispiel voran.

    Bei Bluu Biosciences nehmen wir nach und nach die Komplexität des Themas in unsere Kommunikation auf. Dabei gehen wir offen mit den Herausforderungen um. Kultivierte Produkte haben enormes Potenzial, die traditionelle Fischindustrie grundlegend zu verändern. Gleichzeitig glauben wir: Um den Hunger der wachsenden Weltbevölkerung zu stillen, braucht es alles – kultivierte, pflanzliche und nachhaltig produzierte tierische Proteine.

    Kann kultivierter Fisch helfen, den wachsenden Hunger nach Proteinen zu stillen? Diese und weitere Antworten gibt es bei der New Food Conference auf der Anuga © ProVeg

    Welche gesundheitlichen Vorteile erwarten Sie von Ihren Produkten gegenüber jenen aus konventionellem Fischfang und Aquakultur?

    Fisch ist grundsätzlich ein gesundes Produkt. Unsere Produkte werden sich weder im Geschmack noch bei der Zubereitung von wild gefangenem Fisch unterscheiden. Allerdings werden sie zusätzliche Vorteile haben: Wir optimieren beispielsweise den Omega-3-Fettgehalt unserer Zelllinien. Außerdem stellt die kontrollierte Umgebung sicher, dass unser Fisch keine Schwermetalle oder Mikroplastik enthält.

    Kritische Stimmen befürchten, dass kultivierte Produkte die traditionelle Landwirtschaft zerstören könnten. Wie sehen Sie das?

    Traditionelle Fischproduzenten sind skeptisch. Dabei übersehen sie meist, dass kultivierte Alternativen ihr Geschäft deutlich weniger bedrohen als Überfischung, Umweltverschmutzung, Klimawandel und fehlende Nachhaltigkeitsinitiativen ihrer Industrie. Gleichzeitig sehen wir, dass vor allem junge Menschen sehr offen gegenüber neuen Geschäftsmodellen sind. Solange wir transparent über die Chancen und Risiken von kultiviertem Fisch sprechen, werden mehr und mehr Fischproduzenten über zellbasierte Alternativen nachdenken.

    Die Zulassung für den kommerziellen Verkauf von kultiviertem Fleisch 2020 in Singapur hat weltweit Aufsehen erregt. Wann rechnen Sie mit einer Zulassung kultivierter Produkte in der EU?

    Die Zulassung ist ein wesentlicher Meilenstein für jedes Unternehmen in dem Bereich. Unsere ersten Produkte sollen 2022 fertig sein, parallels arbeiten wir an der Zulassung. Ziel ist es, die ersten Produkte 2023/2024 auf den Markt zu bringen. Wir wollen diese Technologie zügig voranbringen, um die Welt zeitnah mit nachhaltigen Alternativen zu versorgen. Die Lebensmittelsicherheit ist dafür absolut essentiell.

    Im Moment ist es schwierig, vorherzusagen, wann genau die EU die ersten Zulassungen erteilen wird. Wir arbeiten eng mit den Behörden zusammen, um den Prozess bis zur Markteinführung zu verstehen und alle nötigen Daten liefern zu können. Wir alle wünschen uns sichere Lebensmittel, deshalb braucht die Zulassung Zeit und Gründlichkeit.

    Vielen Dank für das Interview, Dr. Sebastian Rakers.

     

    Neugierig geworden? Noch mehr zu kultiviertem Fisch präsentiert Dr. Sebastian Rakers auf der New Food Conference am 10. und 11. Oktober 2021 – online oder vor Ort. Jetzt Tickets sichern!

     

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