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Im Interview mit Godo Röben: „Die Zeit der endlosen Gelder ist vorbei und jedes Startup hat nur ein kurzes Zeitfenster, um den Break-even zu erreichen“

Godo Röben engagiert sich bereits seit über 10 Jahren im Bereich der Alternativen Proteine und hat die vegane Branche mit seiner Arbeit maßgeblich mitgeprägt. So hatte Röben zwischen 2014 und 2021 beispielsweise die Transformation der Rügenwalder Mühle zum führenden Anbieter von vegetarischen und veganen Produkten im deutschen Markt mitverantwortet.

Aktuell ist Godo Röben unter anderem im Vorstand des „Bundesverbandes der Alternativen Proteine“ (BALPro) aktiv, als Investor bei verschiedenen pflanzenbasierten Startups beteiligt und als Aufsichtsrat und Beirat für verschiedene Unternehmen im gesamten Lebensmittelbereich tätig. Darüber hinaus berät Röben auch politische Entscheidungsträger in Deutschland und leitet zusammen mit Renate Künast eine Gruppe der TOP-Player im Bereich der Alternativen Proteine, die sich mit der Zukunft dieser Produkte beschäftigt.

Im Interview spricht Godo Röben mit uns über seine Einschätzung zur Zukunft des veganen Marktes, über politische Maßnahmen zur Förderung alternativer Proteine und die Erfolgchancen von Startups.

„Vergesst + Fleisch“: Was erwartet Interessierte in dem Buch und warum sollte man es unbedingt lesen?

Das Buch beantwortet mit ganz einfachen Erklärungen zwanzig sehr komplexe Fragen.

Fragen wie: „Warum stoßen wir genau jetzt überall an unsere planetaren Grenzen, die uns aufzeigen, dass wir so wie bisher nicht mehr weiter machen können?“ oder „Warum geht die Ernährungswende genau jetzt los, wie lange wird sie dauern und was ist das Ziel diese Wende“.

Jede Antwort beginnt mit einer konkreten und emotionalen Situation, die ich persönlich durchgemacht habe und wird dann fachlich und sachlich von dem Autor Christian Weymayr mit aktuellsten Zahlen, Daten und Fakten untermauert.

Brand eins und Rowohlt haben mit diesem Buch eine spannende Buchreihe gestartet, die ich mit einem Zitat von Albert Einstein beschreiben würde: „Wenn Du es nicht einfach erklären kannst, hast Du es nicht gut genug verstanden“.

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Godo Röben auf dem Impact-Festival 2023 © Godo Röben

Du hast ja viel zu tun, bist Beirat und Aufsichtsrat in verschiedenen Unternehmen, unterstützt Startups und bist Vorstand im BALPro. Dazu engagierst Du Dich in der Politik und bist ein gefragter Redner und Podcast-Gast. Hast Du auch noch Zeit für Deine Familie?

Im Gegensatz zu früher bin ich sogar mehr zu Hause als vorher. Aber Du hast Recht, es ist jetzt so langsam Schluss mit neuen Mandaten. Maximal 1-2 weitere Mandate werde ich noch annehmen können, damit ich genügend Zeit für jedes Unternehmen habe.

So wie es jetzt ist, passt es aber ganz gut, denn aktuell kann ich jedem Unternehmen, jedem Startup, dem Verband und der Politik jeweils ein wohl einzigartiges Netzwerk und Wissen zur Verfügung stellen, so dass ich auch wirklich einen Mehrwert bringe.

Wie siehst du die Entwicklung im Markt für alternativen Proteine?

Dieser Markt bzw. die Ernährungswende ist sehr gut vorherzusagen, da wir uns an der Energiewende und der Mobilitätswende orientieren können, da diese Wenden schon 10-30 Jahre weiter sind in ihrer Entwicklung.

Jede dieser Wenden dauert ca. 40-50 Jahre und meistens werden sie von irgendwelche Freaks gestartet. Bei der Energiewende waren es in den 80er Jahren die Anti-Atomkraft-Freaks und jetzt sind es bei der Ernährungswende die Veganer und Vegetarier. Von dort aus geht es in die Masse, weil nach und nach immer mehr Menschen begreifen, dass diese Freaks ja gar nicht so falsch liegen und vor allem, weil die Wirtschaft schnell begreift, dass dort ein lukrativer Markt entsteht.

Dann geht es 30-40 Jahre ordentlich rauf und runter. Man belächelt den Markt, dann entsteht ein Hype, der komplett zu Übertreibungen neigt, dann kommen die Krisen, die jeden neuen Markt heimsuchen, weil die Produkte noch nicht gut genug sind (Hybrid-Autos mit kurzer Reichweite, nicht schmeckende Veggie-Produkte..), dann kommt der nächste Hype, weil die Börse komplett durchdreht (Tesla, Beyond Meat,…), danach folgt der Kater, weil die Kurse und der Markt wieder zurecht schrumpfen und so weiter und so weiter.

Und nach 30-50 Jahren hat man die Wende dann überstanden und es sind, wenn man als Volkswirtschaft und als Unternehmen gut aufgepasst hat, neue Arbeitsplätze und neue Produkte entstanden, die die alten Produkte abgelöst haben.

Atom, Kohle und Gas weichen Wasser, Wind und Sonne. Benzin und Diesel weichen Elektro und Wasserstoff und Huhn, Schwein und Rind weichen Erbse, Ackerbohne und zellbasiertem Fleisch.

Einen Unterschied wird es m.E. bei der Ernährungswende aber geben. Wenn die beiden anderen Wenden nach 40-50 Jahren bei 100 % neuen Energien oder 100 % neuen Antrieben stehen, werden wir bei der Ernährungswende bei 70-80 % Alternativen Proteine herauskommen. 20-30 % tierische Proteine werden wohl bleiben, wobei diese Tiere dann aber so leben werden, wie Tiere leben sollten. Sie leben wesentlich länger, sehen jeden Tag die Sonne, sind auch für uns Menschen wieder sichtbar und nicht in Ställen versteckt und werden insgesamt besser von uns Menschen behandelt.

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© bit24 – stock.adobe.com

Welche Unterstützung könnte die Politik liefern, um die Position Deutschlands im Markt für alternative Proteine zu stärken?

Die Politik spielt bei allen Wenden eine ganz wesentliche Rolle, denn sie muss regulierend eingreifen, auch wenn viele von uns das nicht mögen.

Aber erst als die Solarmodule vor zwanzig Jahren gefördert wurden, gab es auf einmal auf jedem zweiten Dach eine Solaranlage. Oder im Mobilitätsbereich – dort kam erst mit der E-Auto-Förderung, dem Ausbau der Ladeinfrastruktur und den Subventionen für Batteriefabriken und Autoherstellern wie Tesla Schwung rein.

Das steht bei der Ernährungswende in den nächsten Jahren auch an. Förderung für einen Umbau der Landwirtschaft, eine Mehrwertsteuerreform, die Tierwohlabgabe und weitere Möglichkeiten werden dort mit Sicherheit genutzt. Dazu werden Gelder freigegeben, damit der Agrar-Standort Deutschland im weltweiten Rennen der Alternativen Proteine, weiter vorne mitspielen kann.

Beispielsweise haben wir vom BALPro eine Runde mit Renate Künast und weiteren Stakehodern initiiert, die bereits 1,5 Jahre zusammenarbeitet und jetzt einen ersten großen Erfolg vorweisen kann. Es sind 36 Mio. € für 2024 freigegeben worden, damit wir beispielsweise ein „deutsches Wageningen“ aufbauen können.

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© Blue Planet Studio – stock.adobe.com

Welchen Rat hast du für Startups, die in den Alt-Proteinsektor einsteigen möchten?

Sucht Euch strategische Investoren. Die Zeit der endlosen Gelder ist vorbei und jedes Startup hat nur ein kurzes Zeitfenster, um den Break-even zu erreichen.

Da aber viele Startups ohne strategischen Partner 60-70 % ihrer Kapazitäten (Zeit und Geld) darauf verwendet, um das Controlling, die IT, den Vertrieb, das Marketing, das Gebäudemanagement, etc. aufzubauen, Produktionsstätten und Verpackungslieferanten suchen muss, sich in Plänen und Ideen verrennt und weitere Geldgeber sucht, kommt das eigentliche Produkt zu kurz und wird viel zu langsam bis zur Marktreife entwickelt.

All das geht wesentlich schneller, wenn man einen strategischen Partner hat, der all die o.g. Abteilungen schon hat, der ein Netzwerk an Lieferanten und Kunden hat und der den Startups das alles als Shared Service anbieten kann. So kann man dann innerhalb von 12-18 Monaten auf den Markt kommen, im ersten Jahr schon Umsätze von 10-15 Mio. € generieren und relativ schnell den Break-even erreichen.

Wie sieht deiner Meinung nach die Zukunft für den Markt für alternative Proteine aus?

Wenn die Unternehmen, die Politik, NGOs, Verbände und die Wissenschaft gemeinsam weiter Gas geben, haben wir in Deutschland eine große Chance am Ende der Ernährungswende ganz vorne dabei zu sein.

Wir wollen doch nicht wieder, wie bei der digitalen Wende, in der Firmen wie Facebook, Apple, Microsoft, Google und Co. gegründet wurden, am Ende in Deutschland mit AEG, Telefunken und Nordmende da stehen.

Godo, wir bedanken uns für das Gespräch.

Weitere Informationen: de.linkedin.com

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