Dr. Marie-Christin Baune: “Prinzipiell könnte man Mikroalgen in allen verarbeiteten Lebensmitteln einsetzen”

Dr. Marie-Christin Baune, Deutsches Institut für Lebensmitteltechnik © Deutsches Institut
für Lebensmitteltechnik e. V.

Dr. Marie-Christin Baune hat an der Leibniz Universität Hannover Pflanzenbiotechnologie studiert. Sie schloss 2017 erfolgreich ihre Promotion im Fachbereich der molekularen Pflanzenphysiologie ab und ist seit 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e.V., einer außeruniversitären Einrichtung zur angewandten Forschung zu technischen Fragen der Lebensmittelproduktion, tätig. Dort beschäftigt sich Dr. Baune mit den Eigenschaften und Anwendungsmöglichkeiten pflanzlicher Proteine in Lebensmitteln. Im Interview mit vegconomist verrät Dr. Baune mehr über das derzeitige Forschungsprojekt und warum man sich dabei auf Mikroalgen als nachhaltige Proteinquelle konzentriert.

Um was geht es bei dem Forschungsprojekt zu den Mikroalgen genau?

Die steigende Weltbevölkerung bedingt eine höhere Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln und hochwertigen Eiweißquellen, wie z.B. Fleisch, Milchprodukten, Eiern und Hülsenfrüchten. Jedoch sind unsere Agrarflächen begrenzt und die Eiweißproduktion aus konventionellen Quellen ist durch technische sowie Umweltfaktoren limitiert.

Das Projekt „Pro Future“ befasst sich mit der Erschließung von Mikroalgen als alternative Proteinquelle für Lebens- und Futtermittel, wobei der Fokus auf der Effizienz und Nachhaltigkeit der Anzucht der Algen, der Proteingewinnung sowie der Verarbeitung zu Lebens- und Futtermitteln liegen soll. Hierbei wird die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet und optimiert, sodass eine Minimierung des Flächen-, Wasser- und Energieverbrauchs sowie eine Maximierung der Effizienz sowie die Nutzung von Nebenströmen ein übergeordnetes Ziel darstellen. Des Weiteren sollen die Anwendungsmöglichkeiten der gewonnenen Algen und Algeneiweiße in Lebens- und Futtermitteln genauer untersucht werden.

So können Eiweiße z.B. eine stabilisierende Funktion in Lebensmitteln haben, wie Klebereiweiß (Gluten), das beim Backen eines Teiges dafür sorgt, dass sich ein strukturgebendes Netzwerk ausbildet. Der Zusatz von Algen und Algeneiweißen kann deshalb die Struktur sowie den Geschmack von Lebensmitteln stark verändern. All diese Effekte gilt es zu erforschen, sodass am Ende gesunde und schmackhafte Lebensmittel hergestellt werden können. Zusätzlich sollen Konsumenten in die Produktentwicklung einbezogen werden und Bedenken geklärt werden sowie ein Bewusstsein und Akzeptanz für Algen und algenhaltige Lebensmittel in der Bevölkerung geschaffen werden, damit Algen in Zukunft eine erfolgsversprechende Proteinquelle darstellen können.

Welche pflanzlichen Lebensmittel lassen sich aus Mikroalgen herstellen?

Prinzipiell könnte man Mikroalgen in allen verarbeiteten Lebensmitteln einsetzen. Hierbei kommt es jedoch darauf an, ob sie nur als Geschmackskomponente zugesetzt werden oder eine Funktion übernehmen sollen. In wie weit die Algeneiweiße bestimmte Funktionen in Lebensmitteln übernehmen können, sodass z.B. chemische Zusatzstoffe oder andere Inhaltsstoffe ersetzt werden können, gilt es in Pro Future zu klären. Innerhalb des Projekts soll eine große Bandbreite an veganen Produkten, z.B. Brot, Pasta, Würste und Proteinshakes, abgedeckt werden. Die Entwicklung erfolgt in Zusammenarbeit mit Firmen, die diese Produkte im Anschluss auf dem Markt etablieren wollen.

Welche guten Eigenschaften haben Mikroalgen als Proteinquelle?

Mikroalgen haben eine hohe Photosynthese Effizienz, das heißt sie können wie die Pflanzen an Land aus Sonnenenergie, Wasser und CO2 Sauerstoff und Zucker bilden. Im Vergleich zu Pflanzen haben sie jedoch höhere Wachstumsraten und dadurch eine höhere Ernteausbeute (50-80 Tonnen pro Hektar pro Jahr). Ein großer Vorteil ist zudem, dass Mikroalgen nicht mit anderen Pflanzen oder Tieren um das Agrarland konkurrieren müssen, da sie in künstlichen oder natürlichen Teichen sowie im Falle von Meeresalgen direkt im Meer angezogen werden können.

Mikroalgen haben einen Proteinanteil von 30 – 60 %. Dieser hängt stark von der Algenart ab, kann somit jedoch deutlich höher sein als in Magermilchpulver (36 %), Sojamehl (37%), Hähnchenfleisch (24 %), Fisch (24 %) oder Erdnüssen (26%). Während bestimmte essentiellen Aminosäuren, das heißt, Aminosäuren, die unser Körper nicht selbst herstellen kann, die aber wichtig für unseren Stoffwechsel sind, in pflanzlichen Proteinen häufig limitiert sind, weisen Mikroalgen ein sehr ausgewogenes Aminosäureprofil auf. Zudem sind Mikroalgen reich an Vitaminen, Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren.

Könnte man Tierställe zu Mikroalgen-Produktionsanlagen umbauen?

Der Umbau von Tierställen zu Mikroalgen-Produktionsanlagen ist sicherlich denkbar, er verfehlt meiner Meinung nach aber das Ziel der Nachhaltigkeit, da in einem geschlossenen Stall künstliches Licht benötigt würde, damit die Algen Photosynthese betreiben können. Somit würde zusätzliche elektrische Energie anfallen. Denkbar wäre es aber Mikroalgenfarmen mit Abwärme und CO2-reicher Abluft aus Ställen, großen Fabriken oder Kraftwerken zu betreiben.

 

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