Merck Group: “Wir nutzen unser Fachwissen, um innovative Technologien und Plattformen für die Produktion von kultiviertem Fleisch zu entwickeln”



Die Merck Group ist ein globales Wissenschafts- und Technologieunternehmen, das sich auf die Bereiche Healthcare, Life Science und Performance Materials spezialisiert hat. Als ein führender Anbieter im Bereich der Biotechnologien, verstärkt das Unternehmen derzeit auch seine F&E-Aktivitäten im Innovationsfeld „Cultured Meat“. Merck positioniert sich hier als ganzheitlicher Anbieter von innovativen Produkten und Lösungen, mit speziellem Fokus auf die Maßstabsvergrößerung des Herstellverfahrens und die Senkung der Herstellkosten. Wir wollten mehr über die Aktivitäten des Unternehmens im Bereich Clean Meat erfahren und sprachen darüber mit Thomas Herget, dem Leiter des Innovation Hub Silicon Valley von Merck, von wo aus er das Innovationsfeld für kultiviertes Fleisch für die Merck KGaA vorantreibt.

Herr Herget, warum hat sich Merck entschieden, Technologien für kultiviertes Fleisch zu entwickeln?

In unserem Innovationszentrum identifizieren und erforschen wir Innovationsfelder, in denen wir Potenzial für neue Geschäfte sehen und die über das derzeitige Spektrum unseres Unternehmens hinausgehen. Ein solches Feld, für das mein Team im Silicon Valley Innovation Hub verantwortlich ist, ist Clean Meat, auch Cultured Meat genannt. Dabei geht es um echtes Fleisch, das in-vitro, also ausserhalb eines Tieres, in einem Bioreaktor hergestellt wird. Wir arbeiten dabei eng mit unserem Life-Science-Geschäft zusammen. Als ein führender Anbieter in der Biotechnologie sind wir aufgrund unserer Kompetenz in Bereichen wie Zellkulturmedien und Bioprocessing gut positioniert, die aufstrebende Cultured Meat-Branche als Technologieanbieter voranzubringen.

Es gibt aber weitere Gründe, die über diese Geschäftsziele hinausgehen. Als Unternehmen glauben wir, dass wir durch den Einsatz von Wissenschaft und Technologie zur Bewältigung einiger der drängendsten globalen Herausforderungen beitragen können. Diese Motivation wurde kürzlich durch die Einführung unserer Nachhaltigkeitsstrategie untermauert, mit der wir zur Erreichung einiger der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beitragen wollen. So steht durch den Klimawandel immer weniger Boden und Wasser für die landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung. Gleichzeitig steigt der Bedarf unserer wachsenden Weltbevölkerung an tierischem Eiweiß. Kultiviertes Fleisch kann eine Alternative für Fleischkonsumenten sein, die potenziell nachhaltiger und ethischer ist. Aus dieser Vision schöpfen wir viel Motivation und Ehrgeiz. 

Was ist das Alleinstellungsmerkmal Ihres Unternehmens?

Die für die Kultivierung von Fleischzellen angewandten Technologien sind ähnlich zu jenen, die in der Biotechnologie und bei Zelltherapien zum Einsatz kommen. In unserem Life-Science-Geschäft entwickeln wir innovative Hilfsmittel, Geräte, Materialien und Prozesse, die biotechnologische Produktionsverfahren zuverlässig, schneller und sicherer machen. Mithilfe unserer Produkte und Lösungen konnte die pharmazeutische Industrie in den letzten 30 Jahren große technische Herausforderungen meistern.

Wir nutzen unser Fachwissen aus Bereichen wie Kulturmedien und Bioprocessing, um innovative Technologien und Plattformen für die Produktion von kultiviertem Fleisch zu entwickeln. Dabei wollen wir die Branche bei sämtliche Prozessschritten unterstützen, von der Forschung und Entwicklung bis hin zur effizienten Skalierung der Produktion.

© Merck KGaA

Sie begegnen dieser aufstrebenden Branche mit einem ganzheitlichen Ansatz, was bedeutet das?

Gegenwärtig arbeiten bei uns mehr als ein Dutzend engagierte Wissenschaftler und Techniker in diesem Innovationsfeld an mehreren konkreten Projekten. Aber wir gehen noch ein paar Schritte weiter. Wir haben beispielsweise bereichsübergreifende Arbeitsgruppen eingerichtet, die sich mit Regularien befassen und Diskussionen mit Zulassungsbehörden und politischen Entscheidungsträgern vorantreiben. Wir arbeiten auch eng mit externen Partnern zusammen, darunter Universitäten, Start-ups und gemeinnützige Organisationen wie das Berkeley Alternative Meat Lab, BAL Pro Germany und das Good Food Institute. Außerdem schärfen wir das Bewusstsein für dieses Innovationsfeld und fördern die Akzeptanz der Verbraucher durch Kommunikation und Aufklärung von Interessengruppen und der Öffentlichkeit.

Darüber hinaus wollen Sie die gesamte Wertschöpfungskette in diesem Bereich abdecken, bitte erläutern Sie unseren Lesern doch, was genau das bedeutet.

Wir werden kultiviertes Fleisch nicht selbst produzieren oder an die Konsumenten verkaufen. Unser Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung innovativer Produkte und Lösungen, um eine sichere Herstellung des Fleischs im kommerziellen Maßstab zu ermöglichen. Und hier kommt die gesamte Produktionskette ins Spiel. Wir leisten Unterstützung bei der Optimierung der Zelllinien der Fleischproduzenten, entwickeln geeignete und effiziente Zellkulturmedien, die frei von tierischen Komponenten sind, evaluieren Technologien für die Herstellung von essbaren Traegermaterialen, die dem Fleisch Textur und Struktur geben, und entwerfen skalierbare Bioprozesse.

Clean Meat © Merck KGaA

Eines Ihrer Vorzeigeprojekte ist die Entwicklung von Zellkulturmedien. Wie ist hier der Stand der Dinge und was kommt als Nächstes?

Ja, serumfreie Zellkulturmedien sind nach wie vor der Hauptkostenfaktor bei der kultivierten Fleischproduktion. Bei unserem flagship project, also unserem Vorzeigeprojekt, arbeiten wir eng mit Forschern und Entwicklern von Life Science zusammen, um maßgeschneiderte Formulierungen von Kulturmedien für die Fleischproduktion zu entwerfen und zur Marktreife zu bringen. Wir wollen eine sichere, potente und kosteneffiziente Formulierung entwickeln. Das bedeutet, dass wir auch Optionen prüfen, die von der Biotechbranche derzeit nicht genutzt werden. Wir haben bereits umsatzgenerierende Partnerschaftsvereinbarungen mit führenden Start-ups geschlossen und werden demnächst ein erstes sogenanntes Minimum Viable Product – also ein Produkt, das die grundlegendsten Anforderungen erfüllt – auf den Markt bringen.

Darüber hinaus haben wir eine Reihe von Innovationsprojekten auf den Weg gebracht und bauen kontinuierlich starke Verbindungen und Partnerschaften mit Start-ups und führenden Unternehmen für Clean Meat auf. In Ergänzung zur Laborarbeit haben wir auch ein Cultivated Meat Modeling Consortium mit externen Partnern mitbegründet, um eine Modellierungs- und Simulationsplattform für virtuelle Experimente aufzubauen. So können wir die Herstellung von Cultured Meat durch künstliche Intelligenz unterstützen.

Welche Entwicklungen erwarten Sie für den Clean Meat Markt in den nächsten zehn Jahren?

Der Weg vom Forschungsstadium zur Massenproduktion ist noch lang und erfordert noch viele Innovationen. Wir schätzen, dass es noch fünf bis zehn Jahre dauern wird, bis Supermärkte kultiviertes Fleisch im Angebot haben.

Aber die Branche macht große Fortschritte. Startups stellen ihre ersten Prototypen bereits für exklusive Verkostungen zur Verfügung. Das Unternehmen SuperMeat bietet zum Beispiel sein kultiviertes Geflügelfleisch in einem Restaurant in Tel Aviv an, um von den Kunden Feedback aus erster Hand zu erhalten. Wir erwarten, dass die Produkte zuerst in Spitzenrestaurants eingeführt werden; dies könnte bereits in den nächsten zwei Jahren geschehen. Das wird dazu beitragen, die Verbraucherakzeptanz zu erhöhen und die Produktions- und Lieferkette zu testen.

Gleichzeitig wissen wir, dass es noch einige wichtige Herausforderungen im Herstellprozesses und bei den Kosten zu lösen gilt, bevor tatsächlich kommerzielle Produkte zu einem wettbewerbsfähigen Preis angeboten werden können. Hierbei wird es auf Kooperation ankommen. Start-ups, Fleischproduzenten, Anlagenbau- und Ingenieurbüros, Zulassungsbehörden und politische Entscheidungsträger – und Lieferanten wie wir – müssen zusammenarbeiten, um das Feld voranzubringen.

Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren durch branchenübergreifende Zusammenarbeit und Forcierung seitens der Regierung durch Finanzierung und öffentlich-private Partnerschaften, wie etwa das UC Davis Cultivated Meat Consortium (CMC) in den USA oder das ‘Meat4All’ -Konsortium in Europa, große Innovationsdurchbrüche stattfinden werden. Nach 2030 sollte die Branche rasch an Fahrt aufnehmen und Marktanteile aus dem konventionellen Fleischkonsum hinzugewinnen. So, wie wir es heute bei pflanzlichen Fleischalternativen erleben – vielleicht geht die Entwicklung bei Cultured Meat sogar noch etwas schneller.

Herr Herget, vielen Dank für das informative Gespäch!

 

Weiter Informationen zur Merck Group find Sie unter www.merckgroup.com

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