Cargill: “Die Lebensmittelbranche befindet sich in einem gigantischen Umbruch”

Florian Schattenmann, Chief Technology Officer und Vice President for Innovation and Research & Development (R&D) bei Cargill © Cargill

Das US-Unternehmen Cargill gehört zu den weltweit größten Lebensmittel- und Agrarkonzernen, mit circa 155.000 Mitarbeiter in 70 Ländern und einem Umsatz von rund 115 Milliarden Dollar im Jahr 2018. Als multinationaler Lebensmittelproduzent hat auch Cargill unlängst das Potenzial des globalen Marktes für alternative Proteine erkannt und ist hier durch strategische Investitionen und Partnerschaften gut positioniert. Das Unternehmen bietet mittlerweile ein breites Sortiment an Fleischalternativprodukten, welches zukünftig noch deutlich erweitert werden soll. Wir wollten mehr über die aktuellen Entwicklungen rund um alternative Proteine bei Cargill wissen und sprachen darüber mit Florian Schattenmann, Chief Technology Officer und Vice President for Innovation and Research & Development (R&D) bei Cargill.

Welche pflanzenbasierten Fleischersatzprodukte von Cargill sind bereits auf dem Markt?

Wir bieten inzwischen gemeinsam mit Handels- und Markenpartnern eine breite Palette von Fleischersatzprodukten an. Um einige Beispiele zu nennen: in Asien haben wir gemeinsam mit KFC pflanzliche Nuggets als Alternative zu Hühnchen und pflanzliche Pasteten als Rindfleischalternativen getestet. Beide Linien sind sehr gut bei den asiatischen Verbrauchern angekommen. Auf dieser Basis haben jetzt mit PlantEver™ eine neue Verbrauchermarke in China eingeführt. Die Produkte werden direkt vor Ort in Cargills Werken in Chuzhou hergestellt. Unter PlantEver™ werden wir künftig noch vielfältigere und qualitativ hochwertigere Proteinoptionen anbieten.

Auch in den USA und Europa sind wir aktiv. Unsere Produkte auf Erbsen- und Sojabasis sind bereits in einer Reihe von Handelsmarken enthalten. Das ist eine wichtige Grundlage, um die Produkte auch in den Einzelhandels- und Restaurantketten zu etablieren. Die langjährige wissenschaftliche und technologische Erfahrung von Cargill hilft uns, komplexe Herausforderungen bei der Entwicklung pflanzenbasierter Fleischersatzprodukten zu lösen, wie zum Beispiel die Kreation einer fleischähnlichen Textur.

An welchen Produktneuheiten forscht Cargill derzeit?

In einem Unternehmen, das so groß und breit aufgestellt ist wie Cargill, da arbeiten wir an vielen neuen Technologien und Produkten. Die Projekte reichen von nachhaltigerem Tierfutter über gesündere Öle und Texturierungsmitteln und wie schon angesprochen zu neuen Proteinprodukten.

Der weltweite Proteinkonsum wird in den nächsten 30 Jahren voraussichtlich um mehr als 50 Prozent zunehmen. Um diesen Ernährungsbedürfnissen einer wachsenden Weltbevölkerung gerecht zu werden, ist Innovation ein entscheidender Schlüsselfaktor. Speziell im alternativen Proteinbereich fokussieren wir uns zum einen auf den Geschmack und die Textur, aber auch darauf, die Farbänderung während des Kochens oder Grillen so fleischähnlich wie möglich zu machen. Zum anderen arbeiten wir auch begeistert daran, andere Tierproteinprodukte, wie zum Beispiel Milchprodukte auf pflanzlicher Basis, zu entwickeln. Wir sind überzeugt, dass wir bei Cargill einen deutlichen Wettbewerbsvorteil haben. Denn unser tiefes Verständnis aus den Bereichen tierischer Proteine, Inhaltstoffe und Lebensmittelwissenschaft in Kombination mit unserer Lieferkette und der globalen Präsenz, sind entscheidende Faktoren für die Entwicklung neuer Produkte.

Sie sagen, dass Sie die gesamte Lieferkette abdecken, was genau bedeutet das?

Wir engagieren uns heute in der gesamten Kette zwischen Landwirt und Nahrungsmittelherstellern, vom Anbau der Pflanzen, über den Transport, die Verarbeitung bis hin zur eigentlichen Produktion. Viele Akteure im Bereich alternativer Proteine ​​sind heute auf ein Produkt oder eine Kategorie spezialisiert. Ihnen fehlt das Know-how für das gesamte Spektrum von Inhaltstoffen, Formulierung, Verarbeitung und Geschmacklichkeit. Das führt dazu, dass fleischlose Proteinprodukte oft viele Zutaten oder umfangreiche „Beipackzettel“ aufweisen. Der Konsument möchte aber mittelfristig weniger designte Zutatenrezepte und mehr Natürlichkeit. Das können wir mit funktionsübergreifenden Teams in der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette abdecken.

Wie schätzen Sie die Aussichten für den Markt für alternative Proteine ein?

Alternative Proteine sind ohne Frage ein gigantischer Wachstumsmarkt mit zweistelligen Zuwachsraten. Die Nachfrage wird sich voraussichtlich noch stärker weg von konventionellen Fleischprodukten, hin zu alternativen Proteinangeboten oder Hybridprodukten verschieben. Aber einen völligen Ersatz tierischer Fleischprodukte sehe ich allerdings auch langfristig nicht.

CargillLogo
© Cargill Deutschland GmbH.

Wird es von euch auch Eiersatz geben?

Absolut. Eiersatz ist ein aktives Forschungsthema bei uns. Dazu gibt es in einzelnen Einsatzbereichen schon echte Ergebnisse. Wir sind beispielsweise mit Renmatix eine Entwicklungskooperation eingegangen, um neue Anwendungen und kommerzielle Möglichkeiten für die Skalierung eines proprietären Verfahrens auf Wasserbasis zu erkunden. Das Ziel ist nicht verwendete Pflanzenmaterialien in funktionelle Lebensmittelzutaten umzuwandeln und gleichzeitig dem vom Verbraucher gewünschten Effekt nach wenigen, natürlichen Zutaten Rechnung zu tragen. So können heute schon Eier bei Keksen oder Kuchen ersetzt werden. Wir sehen eine Reihe von Produktformen in den Markt kommen.

Sie haben unter anderem in Puris investiert und stellen die Erbsenproteine für Beyond Meat her. Sind weitere solcher Beteiligungen geplant?

Wir sprechen mit einer ganzen Reihe von Start-Ups, beteiligen uns oder unterstützen Produktentwicklungen. Das halte ich für wichtig und richtig. Denn die Lebensmittelbranche befindet sich in einem gigantischen Umbruch, wo viele neue Technologien von Start-ups entwickelt werden.  Für ein Unternehmen wie Cargill ist es daher essentiell, hier vorne mit dabei zu sein und die richtigen Trends mit zu setzen.

Wirklich spanende Zeiten!

Welche Engagements gibt es im Bereich „Fleisch aus Zellkulturen“, planen Sie hie auch weitere Investments?

Wir haben uns bereits im vergangenen Jahr am israelischen Unternehmen Aleph-Farms beteiligt, das im Bereich der Fleischerzeugung auf Zellkulturbasis sehr stark ist. Auch am kalifornischen Memphis Meat ist Cargill beteiligt. Der Markt befindet sich heute noch in einer sehr frühen Phase. Wir sehen aber schon erste Erfolge. Die Partnerschaften sind für uns eine wichtige Plattform zum Lernen und ermöglichen uns in der Zukunft noch breiter aufgestellt zu sein.

Wie wird sich der zellbasierte Fleischmarkt Ihrer Einschätzung nach entwickeln?

Welche Rolle zellbasierte Produkte spielen werden, hängt von mehreren Faktoren ab. Natürlich, wie schnell es gelingt, die Produkte aus dem Laborstadium in einen stärker produktionsorientierten Prozess zu integrieren. Das ist dann eine Frage der Volumen und vor allem des Preises. Aber auch, wie sich die Konsumentenakzeptanz entwickelt. Da wird es wahrscheinlich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen geben. Im Moment halte ich vor allem den Trend zu hybriden Produkten mit einem pflanzlichen und einem tierischen Anteil für einen der stärksten Treiber in diesem Bereich.

 Vielen Dank für das Gespräch Herr Schattenmann!