PHW-Gruppe: „Wir sind schon immer unkonventionelle Wege gegangen.“

Marcus Keitzer: neuer PHW-Vorstand für alternative Proteinquellen
© Timo Lutz Werbefotografie

Viele Milch- und Fleischproduzenten sehen die veganen Entwicklungen im Markt und passen ihr Portfolio diesen Entwicklungen an. Die PHW-Gruppe geht sogar einen Schritt weiter und entwickelte den neuen Geschäftsbereich “alternative Proteinquellen”, worunter auch die Beteiligung an SuperMeat und das Vertriebsrecht für Beyond Meat fallen. Wir haben Marcus Keitzer – neuer Vorstand für alternative Proteinquellen – zu den veganen Entwicklungen innerhalb der PHW-Gruppe befragt.

Wie entwickeln sich die vegan-Label Produkte von Wiesenhof?
Die veganen Produkte sind ein kleiner, aber mittlerweile durchaus wichtiger Bestandteil unseres Portfolios. Wir wollen uns in diesem Bereich breiter aufstellen und sind zuversichtlich, dass wir hier entsprechende Erfolge erzielen können. Natürlich sind Fleischersatzprodukte noch immer ein Nischenmarkt und das wird auch tendenziell so bleiben. Aber trotzdem ist auch ein Nischenmarkt attraktiv. Mit der Entwicklung unseres Veggie-Sortiments sind wir zufrieden und arbeiten kontinuierlich am weiteren Listungsaufbau. Wir beobachten intensiv den Markt. Laut IRI Symphony konnte ein Wachstumsplus bei den Fleischersatzprodukten erzielt werden: Der Absatz für Fleischersatzprodukte ist im ersten Quartal 2018 um 8,6 Prozent gestiegen – im Vergleich zum ersten Quartal 2017.

Wo vertreiben Sie Ihre veganen Produkte in erster Linie?
Wir bieten dem Lebensmittelhandel als auch dem Außer-Haus-Markt vegane Produktkreationen an. Zuletzt haben wir daher auf der Internorga für den Außer-Haus-Markt die zwei High-Protein-Produkte Veggie Power Burger und Veggie Power Snaps vorgestellt.

Sie sind seit Anfang Juli im Vorstand auch zuständig für „alternative Proteinquellen“. Was sind dort Ihre Aufgaben?
Der neu geschaffene Bereich „alternative Proteinquellen“ wird unsere bisherigen Aktivitäten in diesem Bereich auf Vorstandsebene bündeln und trägt dadurch der zunehmenden Bedeutung Rechnung. Zukünftig werden wir uns auf diesen Bereich noch stärker ausrichten und werden versuchen, diesen sowohl über die eigene Produktentwicklung als auch über strategische Partnerschaften und gezielte Zukäufe sukzessive zu einem wesentlichen Geschäftsbereich neben dem eigentlichen Kerngeschäft „Geflügel“ auszubauen. Hierbei werden wir auch weiterhin nach neuen vielversprechenden Ansätzen und Geschäftsideen Ausschau halten und mit jungen innovativen Start-Ups zusammenarbeiten.

Welche alternativen Proteinquellen kommen für Wiesenhof als nächstes in Betracht? Auch Insekten?
Es ist in der Tat so, dass wir die Entwicklungen aufmerksam beobachten und auch glauben, dass Lebensmittel aus Insekten eine Zukunft haben. Vor diesem Hintergrund führen wir einige interessante Gespräche mit verschiedenen Marktteilnehmern, haben derzeit aber nichts Konkretes zu verkünden.

Wann werden Sie die ersten SuperMeat-Produkte in den Handel bringen?
Das Unternehmen ist mit seinem Forschungsansatz recht praxisnah unterwegs. SuperMeat konzentriert sich darauf, möglichst schnell Produkte im Bereich Meatmix auf den Markt zu bringen und versucht sich nicht – wie manch andere – an der hohen Kunst des Hähnchenbrustfilets. Die Wissenschaftler wollen binnen drei bis fünf Jahren marktfähige Produkte vorweisen.

Für welche Regionen haben Sie die Vertriebsrechte für Beyond Meat-Produkte?
Im ersten Schritt wird die PHW-Gruppe exklusiv den Vertrieb und die Distribution auf dem deutschen Markt übernehmen. Mit der Vermarktung des Beyond Burgers starten wir in der Gastronomie. Wir versuchen, die ersten Burger noch im August zu vermarkten. Später werden weitere Vertriebskanäle folgen.

Ist in diesem Jahr mit weiteren Beteiligungs-News in puncto alternative Proteinquellen zu rechnen?
Es ist unglaublich spannend, was in diesem Bereich derzeit weltweit auf dem Markt passiert. Und in meiner neuen Funktion als Vorstand für alternative Proteinquellen beschäftige ich mich permanent mit diesen Fragen. Es gehört aber zur DNA der PHW-Gruppe, mit Bedacht vorzugehen, Angebote und Inhalte intensiv zu prüfen und keine Schnellschüsse zu machen. Aber wenn wir von einem Unternehmen oder Start-up in diesem Bereich überzeugt und begeistert sind, dann handeln wir schnell und investieren auch. Etwas Konkretes kann ich Ihnen derzeit aber nicht verkünden.

Immer mehr konventionelle Fleischhersteller oder Molkereien stellen ganz oder teilweise auf pflanzliche Produkte um. Wie schätzen Sie die Situation am Fleischmarkt ein: Werden sich die Fleischproduzenten in Zukunft nach weiteren Standbeinen (bsp.: vegane Produkte) umschauen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Wir sind als Unternehmen schon immer unkonventionelle Wege gegangen. Lange vor dem Bio-Boom haben wir uns mit alternativen Haltungskonzepten beschäftigt und es somit dem Verbraucher ermöglicht, sich bewusst für ein bestimmtes Tierhaltungskonzept zu entscheiden. Angefangen hat bei Wiesenhof alles im Jahr 2000 mit dem Weidehähnchen aus Auslaufhaltung, 2002 folgte das Bio-Hähnchen. Den hier erworbenen Erfahrungsschatz haben wir 2011 in das Konzept Privathof-Geflügel, das ein Mehr an Tierschutz in den Mittelpunkt stellt, einfließen lassen und mit dem Tierschutzlabel der Einstiegstufe des Deutschen Tierschutzbundes gekennzeichnet ist. Im März 2015 haben wir ein vielseitiges Sortiment an veganen Produkten auf den Markt gebracht, um Verbrauchern, die sich fleischlos ernähren möchten, eine gute Alternative zu Geflügelfleisch zu bieten. Seit Anfang des Jahres gehen wir noch einen Schritt weiter und beschäftigen uns mit der Entwicklung von Fleisch aus Zellkulturen. Warum?

Wir glauben an Wachstum durch Vielfalt. Unsere Aufgabe als Lebensmittelhersteller ist es, für den Verbraucher möglichst viele verschiedene Angebote zu schaffen: So bieten wir dem Verbraucher eine breite Produktpalette von konventionell erzeugtem Geflügelfleisch über Privathof-Geflügel bis hin zu einem veganen Sortiment an. Vor diesem Hintergrund verstehen wir auch unseren Einstieg bei SuperMeat und unsere Vertriebspartnerschaft mit Beyond Meat. Grundsätzlich wollen wir am Puls der Zeit sein und uns frühzeitig das Know-how für mögliche künftige Marktchancen sichern. Geflügelfleisch wird aber unser Kerngeschäft bleiben. Wir stellen aber unsere Produktpalette breiter auf und definieren uns als Anbieter von hochwertigen Proteinen. Und sobald Produkte verfügbar sind, werden sicherlich auch In-Vitro-Alternativen eine wachsende Rolle spielen. Von Schwarzweiß-Szenarien halten wir allerdings nichts, traditionell erzeugtes Fleisch wird aus unserer Sicht auch in 30 Jahren noch einen riesigen Markt haben.