Clean Meat: Buchautorin Nadine Filko im Interview

Nadine Filko: Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir hier den Anschluss. (Foto N. Filko)

Eine Zukunft ohne Massentierhaltung und Schlachthöfe? Eine Zukunft mit Steaks aus dem Reagenzglas? In dem Buch „Clean Meat“ (LangenMüller) gibt Nadine Filko einen fundierten Überblick zur aktuellen Debatte um das „saubere“ Fleisch. Und uns hat die Autorin im Interview spannende Antworten gegeben.

Wo steht die deutsche Wirtschaft in puncto Clean Meat, wer engagiert sich bereits in dem Markt?

Wir sehen wichtige Akteure der Fleischindustrie wie Wiesenhof, die in die neue Industrie über die bundesgrenzen hinweg investieren. Innerhalb der Grenzen allerdings passiert noch nicht viel. Anders als bei einigen europäischen Nachbarn gibt es in Deutschland derzeit gerade einmal ein Startup, das sich der Produktion von Clean Meat angenommen hat. Innocent Meat sitzt in Rostock und arbeitet an der Clean Meat-Entwicklung von Schweinefleisch.

Richten wir den Blick dann noch auf die größere Kategorie der Cell-Ag – also Cellular Agriculture –, zu der Clean Meat gehört, gibt es wieder andere Ansatzpunkte. Ein Beispiel für einen solchen Ansatzpunkt liefert LegenDairy Foods. Das von Raffael Wohlgensinger mitgegründete Unternehmen arbeitet an der Herstellung von Clean Dairy – „sauberer Milch“. Insgesamt aber malt sich ein noch dürftiges deutsches Bild einer neuen Industrie, die großes Potenzial zur Veränderung unserer Ernährungslandschaft aufweist. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir hier den Anschluss und damit Marktanteile innerhalb eines Wirtschatzweiges, der derzeit noch sehr wichtig für Deutschland ist.

Gibt es bereits politische Initiativen, um Clean Meat zu fördern?

Auch politisch passiert noch nicht viel im Bereich Clean Meat. Natürlich blicken wir hier auf ein sehr schnelllebiges Feld, das aufgrund unterschiedlichster Akteure Auftrieb erhält. Einer dieser Akteure ist der im März 2019 gegründete Verband für Alternative Proteinquellen e. V. (BALPro). Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Herstellung von Proteinen aus alternativen Proteiquellen zu fördern – unter anderem also auch Clean Meat.

Zudem engagiert sich ProVeg International seit Oktober 2018 mit ihrem ProVeg Incubator für die Förderung von Startups, die sich unter anderem mit Produkten der Cell-Ag beschäftigen. Was wir also sehen, ist eine Annäherung an das Thema durch politiknahe Institutionen. Aber auch das Engagement von relevanten Akteuren der Wirtschaft lässt darauf hoffen, dass sich auf Ebene der Politik bald mehr bewegt. Insgesamt aber überwiegt die Skepsis. Dabei spielt eine große Lobby natürlich eine wichtige Rolle. Bevor also die Politik reagiert, muss an anderer Stelle noch Aufklärung stattfinden. Ein weiterer wichtiger Schritt ist bereits damit getan, dass das Thema auf wichtigen Veranstaltungen der Ernährungsindustrie Aufmerksamkeit erfährt – wie zuletzt auf der Anuga.

Wie steht Deutschland in puncto „Clean Meat“ im internationalen Vergleich da?

International stehen wir nicht gut da. Allen voran die Niederlande, Israel und die Vereinigten Staaten dominieren derzeit nicht nur den Bereich der Produktion, sondern auch der Initiativen. So haben sich zuletzt die Unternehmen BlueNalu, Finless Foods, Fork & Goode, Just sowie Memphis Meats zur „Alliance for Meat, Poultry & Seafood Innovation“ zusammengetan. Daneben stehen bereits etablierte Institutionen wie die „Cellular Agriculture Society“, die sich für die Förderung einer zellenbasierten Landwirtschaft engagiert.

Der Urvater der Idee, Willem van Eelen, stammt aus den Niederlanden. Sein „Protegé“ Mark Post, der das Startup Mosa Meat mitgegründet und den ersten Clean Meat-Burger verköstigt hat, ist heute nicht mehr aus dem Bereich wegzudenken und gestaltet die Idee maßgeblich mit. Das israelische Startup Aleph Farms hat gerade erst mit dem 3D-Druck von Fleisch auf der internationalen Raumstation ISS Schlagzeilen gemacht.

Doch nicht nur auf der Ebene der Wirtschaft und Institutionen auch im Bereich der Politik zeigt sich im internationalen Vergleich ein offener Umgang mit dem Thema. Vor allem im asiatischen Raum besteht großes Interesse an der Förderung der Industrie und Technologie. So hat sich China 2017 beispielsweise durch ein Clean-Tech-Handelsabkommen mit Israel, die Option zum Import der Clean Meat-Technologie gesichert.

Welche Argumente sprechen für Clean Meat?

Während die ersten Studien zu den Vorteilen, die sich im Bereich des Umweltschutzes ergeben, noch sehr positiv waren, hat sich in den letzten Jahren ein differenziertes Bild der Vorteile gezeichnet. 2011 argumentierte die neue Industrie mit Studienergebnissen von Hanna Tuomisto, die bis zu 78–96% weniger Treibhausgasemissionen, 99% weniger Landnutzung und 82–96% weniger Wasserverbrauch als die konventionelle Fleischproduktion zeigten. Vor allem im Bereich des Wasserverbrauchs aber mussten die Zahlen revidiert werden. Letztlich seien die Variablen noch zu ungewiss, um wirklich genaue Aussagen treffen zu können.

Allerdings, die Vorteile im Bereich des Tierschutzes und der Landnutzung können so schnell nicht wegargumentiert werden. Das umstrittene Kälberserum, das als Wachstumsmedium dient, wird langfristig nicht bestehen. Dabei blicken wir auf ein unaufhaltsames Wachstum der Weltbevölkerung und eine damit ansteigende Nachfrage nach tierischen Proteinen. Eine Nachfrage, die mit den derzeitigen Ressourcen nicht bedient werden kann. Auf lange Sicht ist Clean Meat also die Lösung eines Problems, das sich heute bereits in seinen Konsequenzen abzeichnet. Ob wir dann beispielsweise energetisch umschwenken müssen und woher die Energie für die Herstellung kommen wird, das sind Fragen, die genau im Blick behalten werden müssen und an denen kontinuierlich gearbeitet werden muss.

Werden Verbraucher Clean Meat akzeptieren?

Eine Frage, mit der die neue Industrie steht oder fällt. Meine Antwort: ja. Auch wenn sich derzeit noch viele Menschen gegen die Idee einer Clean Meat-Industrie wehren, langfristig wird keiner danach Fragen, ob seine Mortadella aus einem Brautank oder von einem Schlachthof stammt. Heute schon interessieren sich nur wenige Verbraucher dafür, woher ihr Fleisch kommt. Ansonsten würde der Konsum wohl rapide abnehmen – vorausgesetzt man spricht dem Konsumenten so etwas wie ein Gewissen zu.

Dabei sehen wir jetzt schon internationale Unterschiede. Bei Untersuchungen zur Akzeptanz von zellen- und pflanzenbasierten Alternativen durch den Forscher Chris Bryant und sein Team konnte beispielsweise eine weitaus größere Akzeptanz in Indien und China als in den Staaten festgestellt werden. Dabei wird es auf lange Sicht auch auf die Bezeichnung des „neuen Fleisches“ ankommen. Mit den Begriffen wird derzeit in der Szene noch experimentiert, um sowohl Konsument als auch traditionelle Fleischindustrie zufrieden zu stellen. Ein weiterer Faktor, der Einfluss auf die Akzeptanz nehmen wird, ist das Bild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Wir müssen weg vom Labor und hin zu den sich entwickelnden Brauereien. Momentan haftet Clean Meat ein noch zu klinischer Charakter an. Im Fokus der Kommunikation steht demnach die große Aufgabe ein „Clean Image“ zu etablieren.

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