• Kultiviertes Fleisch: Eine globale Perspektive von IDTechEx



    © Firn – stock.adobe.com

    Kultiviertes Fleisch ist seit 2013 zu einer aufstrebenden Industrie geworden, in der Start-ups auf der ganzen Welt darum wetteifern, als erste erfolgreich kultiviertes Fleisch in kommerziellem Maßstab zu produzieren

    Immer mehr BioTech-Unternehmen feiern neue Durchbrüche in ihren F&E-Bemühungen im Bereich Clean Meat und führen inzwischen sogar routinemäßig Geschmackstests mit kultivierten Fleischprodukten durch. Eines der erfolgreichsten Start-ups auf diesem Gebiet ist das kalifornische Unternehmen Eat Just, Inc., dass seine kultivierten Fleischprodukte sogar bereits in Singapur auf den Markt gebracht hat. Singapur war Ende letzten Jahres das erste Land weltweit, dass den Verkauf von kultiviertem Fleisch genehmigte.

    Kultiviertes Fleisch, auch bekannt als zellbasiertes Fleisch, Laborfleisch oder Clean Meat, ist ein aufstrebender Technologiebereich, in dem kultivierte Tierzellen zur Herstellung von fleischähnlichen Lebensmitteln verwendet werden. Im Gegensatz zu pflanzlichem Fleisch oder anderen Fleischanaloga wird kultiviertes Fleisch aus denselben Zellen wie herkömmliches Fleisch hergestellt und kann theoretisch eine exakte Nachbildung des echten Fleisches zu einem Bruchteil der Umweltkosten bieten, ohne dass Tiere geschlachtet werden müssen. In den letzten Jahren hat die Begeisterung für die Zuchtfleischindustrie und ihr Potenzial, die eine Billion Dollar schwere konventionelle Fleischindustrie zu disruptieren, zugenommen. Seit 2015 hat die Branche mehr als 600 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln aufgebracht und ist im gleichen Zeitraum von weniger als fünf auf über fünfzig Unternehmen weltweit angewachsen.

    Inzwischen gibt es auf allen Kontinenten, außer der Antarktis, Unternehmen, die kultiviertes Fleisch herstellen und sogar im Weltraum wurde bereits kultiviertes Fleisch produziert. IDTechEx wirft einen Blick auf die noch junge globale Industrie für kultiviertes Fleisch und untersucht, wie sich diese neuartige Bio-Technologie weltweit entwickelt. Der neue IDTechEx-Bericht mit dem Namen “Cultured Meat 2021-2041″ erforscht die Welt des kultivierten Fleisches, bietet regionale Analysen zu Märkten und Vorschriften und prognostiziert die Entwicklungen der nächsten 20 Jahre für diesem Markt.

    Kultiviertes Fleisch in Nordamerika

    Mit Schwergewichten der Branche wie Eat Just, UPSIDE Foods (ehemals Memphis Meats) und BlueNalu sind die USA das unbestrittene Kraftzentrum der Clean Meat Industrie. Vor allem aufgrund der Aktivitäten von US-Unternehmen hat Nordamerika einen starken Anstieg bei Investitionen in diesem Bereich erlebt, wobei die Region bei den eingeworbenen Geldern überrepräsentiert ist – obwohl nur etwa 40 % der weltweiten Unternehmen für kultiviertes Fleisch in Nordamerika ansässig sind, wurden 57 % der Gelder in Nordamerika eingeworben.

    © Eat Just

    Angesichts dieser starken Kapitalflüsse zählen die nordamerikanischen Unternehmen für kultiviertes Fleisch zu den kommerziell am weitest entwickelten. Der Hersteller von kultivierten Meeresfrüchten BlueNalu baut derzeit in San Diego eine 40.000 Quadratmeter große Pilotanlage mit dem Ziel, noch in diesem Jahr ein kommerzielles Produkt in den USA auf den Markt zu bringen und das in Kalifornien ansässige Unternehmen Eat Just ist das erste Unternehmen für kultiviertes Fleisch weltweit, das die behördliche Zulassung für eines seiner Produkte, einer kultivierten Hühnchenalternative, in Singapur erhalten hat.

    Nordamerika könnte die zweite Region werden, die kultiviertes Fleisch für den kommerziellen Verkauf zulässt. Gerüchten zufolge befinden sich die USA in der Endphase der Zulassung eines kultivierten Fleischprodukts für den kommerziellen Verkauf im Land, bei dem es sich wahrscheinlich um ein kultiviertes Meeresfrüchteprodukt handeln wird. Gezüchtete Meeresfrüchte werden wahrscheinlich den einfachsten Weg zur behördlichen Zulassung in den USA haben, da sie ausschließlich von der FDA reguliert werden sollen, im Gegensatz zu der ziemlich komplexen Vereinbarung zwischen der FDA und der USDA für die Zulassung anderer gezüchteter Fleischprodukte.

    Bis dato handelt es sich dabei jedoch immer noch um Gerüchte und es gibt keine offiziellen Ankündigungen, die darauf hindeuten, dass kultiviertes Fleisch in den USA in absehbarer Zeit in die Läden und Restaurants kommen könnte. Dennoch sind viele Akteure in der Branche optimistisch – eine US-Zulassung wäre für die Kulturfleischindustrie von enormer Bedeutung und würde wahrscheinlich eine Flut neuer Gelder in diesen Bereich bringen. Die Zulassung in den USA würde auch die Zulassungsverfahren in anderen Regionen beeinflussen, insbesondere nach einem sicheren und erfolgreichen Marktstart.

    Zellkultivierte Meeresfrüchte von BlueNalu © KBW Ventures

    Asien

    Trotz aller industriellen Aktivitäten in Nordamerika war es Asien, das Ende 2020 und Anfang 2021 die Schlagzeilen rund um kultiviertes Fleisch beherrschte, da Singapur im Dezember 2020 als erstes Land der Welt kultiviertes Fleisch für den kommerziellen Verkauf zugelassen hat.

    Die singapurische Lebensmittelbehörde (Singapore Food Agency, SFA) erteilte die Genehmigung für kultiviertes Hühnerfleisch von Eat Just, das in Singapur als Zutat für die von dem Unternehmen hergestellten Nuggets verkauft werden darf. Die Regierung hat die Zuchtfleischindustrie in der Vergangenheit stark unterstützt. Um die Lebensmittelsicherheit des Landes zu verbessern, hat die Regierung von Singapur 2019 das Ziel “30 by 30” aufgestellt, mit dem Ziel, bis 2030 30 % des Nahrungsmittelbedarfs des Landes vor Ort zu produzieren, wobei zukunftsweisende Technologien wie die vertikale Landwirtschaft und verschiedene Biotechnologien eingesetzt werden sollen.

    Außerhalb Singapurs sieht es für die Kulturfleischindustrie im gesamten asiatisch-pazifischen Raum etwas weniger optimistisch aus. Trotz Studien, die darauf hindeuten, dass ostasiatische Verbraucher eher bereit sind, kultiviertes Fleisch zu probieren als z.B. US-Amerikaner, ist die Region nach wie vor vergleichsweise unterfinanziert. Obwohl im asiatisch-pazifischen Raum 17 % der weltweiten Unternehmen für kultiviertes Fleisch angesiedelt sind, fließen dort nur 5 % der weltweiten Investorengelder in die Branche. Auch die regulatorische Situation ist unklar: Außer in Singapur gibt es in ganz Asien keinen spezifischen regulatorischen Rahmen für kultiviertes Fleisch, obwohl kultiviertes Fleisch auf dem Nationalen Volkskongress 2020 in China kurz diskutiert wurde. Es könnte noch viele Jahre dauern, bis kultivierte Fleischprodukte in Asien außerhalb von Singapur auf den Markt kommen.

    Israel, das zwar nicht zum asiatisch-pazifischen Raum gehört, aber in Asien liegt, ist ein weiterer Treiber für die Kulturfleischindustrie. Ähnlich wie in Singapur ist die Lebensmittelsicherheit in Israel ein wichtiges Anliegen und das Land beherbergt mehrere Start-ups für kultiviertes Fleisch, darunter den Steakproduzenten Aleph Farms und Future Meat, welches kultiviertes Hühnerfleisch herstellt. Obwohl kultiviertes Fleisch im Land nicht für den kommerziellen Verkauf zugelassen ist, können sich die Verbraucher um einen Tisch im Restaurant “The Chicken” von SuperMeat bewerben, wo sie den Prototyp eines kultivierten Hühnerburgers probieren können, obwohl sie dafür nicht bezahlen dürfen.

    Israels ehemaliger Premierminister probiert bei Aleph-Farms kultiviertes Steak (© Koby Gidon, Pressestelle der Regierung (GPO))

    Europa

    Auch in Europa hat sich auf dem Gebiet des kultivierten Fleisches einiges getan. Die Branche wurde hier praktisch gegründet, als Dr. Mark Post von der Universität Maastricht in den Niederlanden 2013 auf einer Pressekonferenz in London den weltweit ersten Prototyp von kultiviertem Fleisch vorstellte. Mosa Meat, das aus seiner Forschung hervorgegangene Unternehmen, hat sich seither zu einem der größten Unternehmen in diesem Bereich entwickelt und fast 100 Millionen US-Dollar an Kapitalinvestitionen aufgebracht.

    Europa ist jetzt die zweitgrößte Region in Bezug auf die Anzahl der Unternehmen und die Höhe der eingeworbenen Finanzmittel für kultiviertes Fleisch, hinter Nordamerika (obwohl es an dritter Stelle steht, wenn man den asiatisch-pazifischen Raum und den Nahen Osten als eine Region betrachtet).

    Mark Post, Gründer von Mosa Meat (© Mosa Meat / David Parry/PA)

    Die Europäische Union hat auch einen der am besten definierten Regulierungswege für kultiviertes Fleisch weltweit. Zuchtfleisch wird in der “Verordnung über neuartige Lebensmittel” ausdrücklich erwähnt, die einen ziemlich klaren Weg vorgibt, wie ein Zuchtfleischunternehmen die Genehmigung für den Verkauf seines Produkts erhalten kann. Im August 2020 erhielt ein Forschungsprogramm für kultiviertes Fleisch unter der Leitung des spanischen Start-up-Unternehmens Biotech Foods einen Zuschuss in Höhe von 2,7 Millionen Euro im Rahmen des EU-Forschungsrahmens Horizont 2020, was ebenfalls darauf hindeutet, dass es eine gewisse staatliche Unterstützung für kultiviertes Fleisch in der EU geben könnte.

    Allerdings ist kultiviertes Fleisch von einer kommerziellen Einführung in der Region wahrscheinlich noch weit entfernt. Es ist wahrscheinlich, dass es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Kennzeichnung von kultivierten Fleischprodukten kommen wird, ähnlich wie bei den pflanzlichen Ersatzprodukten. In der EU ist es Herstellern von pflanzlichen Milchalternativen verboten, diese als “Joghurt” oder “Milch” zu bezeichnen, und einige Mitgliedstaaten sind sogar noch weiter gegangen: Frankreich verbietet die Verwendung von Fleischbegriffen wie “Steak” oder “Wurst” zur Beschreibung von pflanzlichen Alternativprodukten, nachdem die Lobby der Fleischindustrie behauptet hat, dass diese Begriffe die Kunden verwirren.

    Hinzu kommt, dass Verbraucher und Aufsichtsbehörden in Europa der Biotechnologie bei Lebensmitteln seit jeher ablehnend gegenüberstehen. Schon jetzt ist es fast unmöglich, in der Region ein Lebensmittelprodukt auf den Markt zu bringen, das gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthält, und die EU hat angedeutet, dass sie eine ablehnende Haltung gegenüber dem Einsatz von Gen-Editing-Technologien wie CRISPR-Cas9 in Lebensmitteln einnehmen wird. Ohne eine Änderung der regulatorischen Einstellungen besteht die Gefahr, dass die EU bei der nächsten Generation innovativer Lebensmittelprodukte ins Hintertreffen gerät.

    Der Rest der Welt

    Obwohl in Nordamerika, Asien und Europa die meisten Aktivitäten zu verzeichnen sind, ist kultiviertes Fleisch bereits ein globales Phänomen. In Südamerika ist das argentinische Unternehmen Cell Farm Food Tech das erste Start-up-Unternehmen für kultiviertes Fleisch, das in der Region gegründet wurde, während ein brasilianischer Fleischproduzent kürzlich eine Partnerschaft mit Aleph Farms einging, um kultiviertes Fleisch in der Region einzuführen.

    In Afrika hofft das in Kapstadt ansässige Unternehmen Mzansi Meat, dass es dank seiner lokalen Netzwerke und seines Verständnisses der afrikanischen Kultur auf dem gesamten Kontinent Fuß fassen kann. Der hohe Kostendruck und das Fehlen einer etablierten Lieferketteninfrastruktur bedeuten jedoch, dass eine erfolgreiche Markteinführung in Afrika noch ein weiter Weg sein wird.

    © Firn-stock.adobe.com

    Kultiviertes Fleisch im Weltraum?

    Kultiviertes Fleisch ist nicht nur ein irdisches Phänomen. Das israelische Start-up-Unternehmen Aleph Farms war 2019 das erste Unternehmen, das kultiviertes Fleisch im Weltraum produzierte, indem es an Bord der Internationalen Raumstation mit Geräten von 3D Bioprinting Solutions in kleinem Maßstab Muskelgewebe aus Rinderzellen herstellte. Seitdem hat das Unternehmen das Programm Aleph Zero gestartet, das darauf abzielt, Anlagen zur Produktion von kultiviertem Fleisch in außerirdischen Umgebungen zu etablieren. Das US-amerikanische Unternehmen Finless Foods hat im Rahmen einer Partnerschaft mit 3D Bioprinting Solutions ebenfalls einen Prototyp im Weltraum hergestellt.

    Obwohl die technischen Hürden für die Produktion von kultiviertem Fleisch im Weltraum gewaltig sind, könnte die Erforschung dieses Prozesses (irgendwann) ein Zukunftsfeld für kultiviertes Fleisch sein. Die Auswahl an Nahrungsmitteln ist in der Raumfahrt derzeit äußerst begrenzt, so dass die Besatzungsmitglieder oft an Gewicht verlieren und bei langen Missionen Schwierigkeiten haben, sich ausreichend zu ernähren. Dies könnte bei langfristigen Raumfahrtmissionen, z. B. bei bemannten Reisen zum Mars, zu einem großen Problem werden und die Attraktivität des Weltraumtourismus in den nächsten Jahrzehnten einschränken.

    Bioregenerative Nahrungsmittelsysteme, d. h. Systeme, die frische Nahrungsmittel an Ort und Stelle produzieren, könnten die für das Überleben der Besatzung erforderlichen Nährstoffe liefern und das psychologische Wohlbefinden der Besatzung verbessern. Kultiviertes Fleisch könnte hier eine wichtige Rolle spielen – aus einer kleinen Anzahl von Starterzellen können große Mengen an Gewebe hergestellt werden, und die Komponenten des Wachstumsmediums lassen sich leicht in Pulverform transportieren und am Produktionsort mit Wasser rekonstituieren.

    Die Welt des kultivierten Fleisches entwickelt sich rasant, wobei die Branche je nach Standort sehr unterschiedlich entwickelt ist. Einen detaillierten Überblick über die globale Kulturfleischindustrie finden Sie im aktuellen IDTechEx-Bericht “Cultured Meat 2021-2041”.

  • Top Themen





    mehr Top Themen
  • Der vegconomist-Newsletter
    Entscheidendes für Entscheider

     

    Melden Sie sich für den vegconomist-Newsletter an und erhalten Sie regelmäßig die wichtigsten News aus der veganen Wirtschaft.

    Invalid email address